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der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften

zu Leipzig

Philologisch-historische Klasse

70. Band 1918 2. Heft

Wilhelm Heinrich Roscher

Der Omphalosgedanke

bei verschiedenen Völkern, besonders
den semitischen

Ein Beitrag zur vergleichenden Religions-
wissenschaft, Volkskunde und Archäologie

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Vorgetragen für die Berichte am 4. Mai 1918. Das Manuskript eingeliefert am 14. Mai 1918. Druckfertig erklärt am 30. November 1918.

PRINTED IN GERMANY

AUG 211928
BTC
R71

Vorwort.

Als ich vor drei Jahren das Schlußwort zu den 'Neuen Omphalosstudien' schrieb, da war ich zwar, wie dieses beweist (S. 70f.), weit davon entfernt zu glauben, daß nunmehr das gesamte zum Omphalosproblem gehörige Material von mir gesammelt und kritisch verarbeitet worden sei, aber ich hatte damals noch keine Ahnung, wie schnell und in welcher Fülle mir neuer Stoff aus allen möglichen Weltgegenden zu neuer Bearbeitung zuströmen würde.

Vor allem habe ich hier rühmend hervorzuheben die große in den Verhandelingen der K. Akademie van Wetenschappen te Amsterdam (Afdeeling Letterkunde Nieuwe Reeks Deel XVII No. 1)' im Oktober 1916 erschienene Abhandlung des Prof. A. J. WENSINCK zu Leiden, betitelt: „The ideas of the Western Semites concerning The navel of the earth" (XII u. 65 S. Lex. 8o). Angeregt durch meine Omphalosstudien hat WENSINCK es unternommen, alle zum Omphalosgedanken gehörigen Stellen aus der Literatur der Hebräer, Aramäer (Syrer usw.) und Araber systematisch zu sammeln und zu erläutern. Ein kompetenter Beurteiler seiner Arbeit, Prof. BROCKELMANN in Halle a./S., hat bei der Lektüre den Eindruck gewonnen, daß, wenn auch bei der ungeheuren Ausdehnung namentlich des arabischen Schrifttums erschöpfende Vollständigkeit nie zu erreichen ist, WENSINCK doch nichts Wesentliches übersehen haben dürfte.1) Ich habe natürlich alles mir von WENSINCK für Jerusalem, den Garizim und Mekka dargebotene Zeugnismaterial dankbar verwertet, durch Vergleichung passender Analogien erläutert und ergänzt

1) Vgl. BROCKELMANNS Anzeige im Literar. Zentralbl. 1917

Sp. 1224 f.

und glaube durch Einordnung der wichtigsten Einzelergebnisse WENSINCKS in den größeren Rahmen meiner Arbeit allen · vergleichenden Religionsforschern, die sich für das Ganze der Omphalosidee interessieren, einen Dienst erwiesen zu haben.

Ganz Ähnliches gilt auch mutatis mutandis von der gründlichen in den von MEINERTZ herausgegebenen 'Neutestamentlichen Abhandlungen' (V, 1) 1914 erschienenen Untersuchung Dr. GUST. KLAMETHS, welche den Titel führt: „Die neutestamentlichen Lokaltraditionen Palästinas in der Zeit vor den Kreuzzügen". Auch KLAMETH will in den beiden Abschnitten über die Golgothatraditionen (S. 88ff.) und über das Grab Adams im Golgothafelsen (S. 106 ff.) meine Omphalosstudien von seinem Standpunkte aus tunlichst ergänzen und weiterführen, und ich muß auch ihm gegenüber dankbar anerkennen, daß es ihm in vollem Maße gelungen ist, diese seine Absicht zu verwirklichen.

Nur mit vieler Mühe ist es mir endlich mit Hilfe des mir befreundeten Prof. WASER in Zürich geglückt, der ebenfalls durch meine Omphalosstudien angeregten Arbeit des französischen Keltologen Prof. LOTH in Paris habhaft zu werden, die er unter dem Titel 'L'omphalos chez les Celtes' in Band XVII S. 193-206 der Revue des Études Anciennes (Jahrg. 1915) herausgegeben hat. Da diese Revue schon an und für sich in Deutschland wenig verbreitet und bekannt und zudem infolge des Weltkrieges überaus schwer zugänglich ist, so denke ich durch kurze Mitteilung der darin enthaltenen Resultate und vor allem durch Beigabe der Abbildungen mehrerer wirklicher oder problematischer Omphaloi der alten Kelten den deutschen Mitforschern auf den Gebieten der Volkskunde, Prähistorie und Archäologie einen willkommenen Dienst geleistet zu haben.

Aber auch durch briefliche Mitteilungen und Anregungen verschiedener Art bin ich von Seiten befreundeter Forscher. in erfreulichster Weise unterstützt worden. Vor allem gedenke ich hier mit lebhaftem Danke der drei Ägyptologen BORCHARDT-Berlin, G. ROEDER-Hildesheim und SETHE-Göt

tingen, die mir höchst wertvolle Mitteilungen über den kürzlich von GRIFFITH in Napata (Nubien) ausgegrabenen Omphalos des dortigen Amonorakels, der den von Curtius Rufus erwähnten umbilicus des Amontempels in der Oase Siwa bestätigen und erklären hilft, zur Verfügung gestellt haben.

Ebenfalls durch briefliche Mitteilung wichtigen Zeugnismaterials aus dem Bereiche der späteren jüdischen Literatur haben sich Prof. Dr. WINTER in Dresden und Dr. M. I. BERDYCZEWSKI (BIN GORION) in Berlin-Friedenau, der Herausgeber der Sagen der Juden' (Frankfurt a. M. 1913 ff.) und der unter dem Titel: 'Der Born Judas' (2 Bde. Leipz. 1916) erschienenen Sammlung, auch um diese Fortsetzung der Omphalosstudien verdient gemacht.

Alle übrigen Gelehrten, die mich durch Anregungen und Mitteilungen verschiedener Art zu Dank verpflichtet haben, werden 'suo quisque loco' von mir genannt werden.

Hierzu kommen natürlich noch zahlreiche Funde literarischer und monumentaler Art, auf die ich durch eigene Nachforschungen und Studien geführt worden bin. So stieß ich z. B. bei der Lektüre von RADLOFFS Proben der Volksliteratur der türkischen Stämme Südsibiriens auf die wichtige Nachricht, daß auch diese Völker die Vorstellung von einem in ihrem Gebiete befindlichen Erdnabel haben, als welchen sie einen kupfernen Pfeiler' (= дμpaλós) ansehen. Ferner ist es mir, hoffe ich, jetzt auch gelungen, in Kap. V mit Hilfe von 5 in den letzten Jahren entdeckten und veröffentlichten Monumenten (2 Votivtafeln [Pinakes] und 3 Vasenbildern) zu beweisen, daß ebenso wie Delphi, Delos, Paphos, Branchidai auch Athen-Eleusis, wenigstens im eleusinischen Mysterienkult, den Anspruch erhoben hat, der ỏμpalòs vñs zu sein. Der auf den gedachten Pinakes und Vasen erscheinende deutliche Omphalos, den man bisher irrtümlich für den 'delphischen' gehalten hat, läßt keine andere Deutung zu als die, daß er das Wahrzeichen der von Athen-Eleusis als Zentrum ausgegangenen und über die gesamte Oikumene durch Triptolemos verbreiteten Segnungen des Ackerbaus und der

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