Imatges de pÓgina
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Which pusles the braine, and doth confound the sence,
Which makes us rather beare those evilles we have,
Than flie to others that we know not of.

I that, O this conscience makes cowardes of us all,
Lady in thy orizons, be all my sinnes remembred.

Man muß glauben, daß Delius vorzugsweise hier eine Verwahrlosung des Tertes bemerken will, welche weit über Druckfehler und andere Vernachlässigungen aller Art hinaus gehe, und daß es seiner Anschauungsweise widerstrebt, hierin eine Arbeit Shatspere's zu erkennen. Auch Knight hält dafür, daß hier der Tert wesentlich verdorben sei und der Drucker mehrere Zeilen versezt habe. Mit dieser Vorstellung würde die Vermuthung, daß ein so nachlässiger Corrigent oder Drucker der Urheber der Umstellung gewesen sei, noch weniger vereinbar sein. Denn versinnlicht man sich alle möglichen Fälle, die einer solchen Nachlässigkeit zur Veranlassung dienen könnten, so wird man vergebens versuchen sich vorzustellen, daß ein solcher Abschreiber oder Drucker zwei ausgedehnte Scenen in den späteren Blättern aufgesucht haben sollte, um sie um so viele Blätter weiter vorzusehen. Mir scheint es vielmehr, daß es vor Allem darauf ankommt sich von dem allgemein herrschenden Vorurtheil frei zu machen, als könne Shakspere niemals etwas abgefaßt haben, was uns neben anderen Arbeiten seiner Hand höchst unvollkommen erscheint. Ich bin überzeugt, wenn wir dasselbe, was hier, ohne alle Einsicht in Zeilen, die Verse vorstellen sollen, abgetheilt, was mit der mangelhaftesten Interpunktion versehen ist und wo möglicher Weise einzelne Worte fehlen, in der Form einer in Prosa abgefaßten Skizze vor uns liegen sähen, und wenn wir dann im Stande wären für einen Augenblick zu vergessen, was aus diesem ungeordneten Entwurfe in einer späteren Ausarbeitung zu einem meisterhaften Bilde gemacht worden ist, dann würden wir, troß der Schwäche des Ausdrucks, troß des Mangels an Anmuth der Sprache, den Reichthum und die Tiefe der nachlässig hingeworfenen Gedanken so sehr bewundern, daß wir in ihnen einen

Verfaffer ahnen würden, deffen Begabung über der Befähigung aller seiner Zeitgenossen steht. Jedenfalls stellen diese schmucklosen Zeilen, wenngleich in verkehrter Ordnung und ungefälliger Gestaltung im Wesentlichen den vollständigen Inhalt des späteren Monologs dar. Die Vermuthung, daß der junge Dichter bei der ersten Bearbeitung dieses gewaltigen Stoffes für diese Betrachtungen der Hauptperson seines Stückes den angemessenen Plah nicht sofort habe finden können, und erst nach einer gründlichen Umarbeitung im späteren Mannesalter ihnen eine geeignetere Stelle anzuweisen verstand, scheint mir daher weit näher zu liegen, als die Möglichkeit irgend einer anderen Veranlassung zu dieser Versehung. Und daß ich, wie Sie hieraus abnehmen werden, auch an dieser Stelle zwischen den nicht abzuläugnenden Verstümmelungen mehr Spuren eines alten Originals, als Delius und Knight, zu bemerken glaube, liegt mindestens zum Theil mit in dem Umstande, daß die nächstfolgende Scene zwischen Hamlet und Ophelia, die doch mit diesem Monologe unter allen Umständen unzertrennlich zusammenhängen mußte, dem späteren Terte weit näher steht, als Vieles Andere. Denn nehme ich einmal an, daß der Druck von 1603 nicht nach der Niederschrift eines Schnellschreibers bei der Aufführung, sondern nach einem älteren Manuscripte gemacht worden ist, so muß ich auch glauben, daß, abgesehen von allen durch die Nachlässigkeit des Druckers möglich gewordenen Fehlern, der Tert in diesem Manuscripte so gestanden habe, als ihn der Druck uns giebt. Allerdings ist damit die Frage, ob Shakspere Alles so geschrieben haben möge, noch nicht endgültig entschieden. Vielmehr liegt es in der Möglichkeit und sogar Wahrscheinlichkeit, daß das benutte Manuscript kein Original, sondern eine, Behufs der Aufführung gemachte, Abschrift gewesen sei. Auch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß, wie schon einmal flüchtig angedeutet worden, bei der Herstellung unserer Abschrift Kürzungen und andere Verstümmelungen Statt gefunden haben. Aber ich würde mich davon nicht überzeugen können, daß diese Aenderungen tief

genug in das Wesen eingegriffen hätten, um uns an jeder Stelle, wo unsere Verehrung für Shakspere durch Unvollkommenheiten verlegt wird, zu dem Verdacht der Unächtheit zu berechtigen und uns nur da eine größere Treue in der Darstellung des Originals sehen zu lassen, wo die wenigsten Abweichungen von dem späteren Terte bemerkbar sind.

Die weit geringere Ausdehnung, welche beide Szenen zwischen Hamlet und den Schauspielern haben, ferner die größere Kürze von einigen Auslassungen Hamlets, namentlich von seinen Freundschaftsbetheurungen gegen Horazio, endlich die Abweichungen des Tertes bei der von dem Schauspieler rezitirten Stelle aus einem unbekannten Stücke und bei dem eingelegten Drama sind für unseren Zweck von minder bedeutendem Belang. Ich führe Ihnen daher sogleich eine Szene vor, welche für das Ganze von der höchsten Bedeutung ist und durch einige in dem neueren Terte ausgelassene Aeußerungen in diesem alten Drucke ein anderes Bild der betreffenden Charaktere vor unsere Augen stellt. Ich spreche hier von der nächtlichen Unterredung Hamlets mit seiner Mutter, in welcher Polonius (Corambis) ermordet wird und der Geist des alten Hamlet zum zweiten Male seinem Sohne erscheint. Auch sie ist im alten Terte bedeutend kürzer als im neuen (c. 111: 207), doch ist im Verlauf der Handlung kein wesentlicher Unterschied. Dieser besteht nur in einigen veränderten Reden und ist deshalb höchst bedeutsam, weil er eine Frage betrifft, die den Auslegern des Stücks schon viel Anlaß zu Betrachtungen und Zweifeln gegeben hat. Es ist, wie Ihnen nicht fremd sein kann, nicht selten die Frage aufgeworfen worden, ob es in Shakspere's Intentionen gelegen habe, daß die Königin in Bezug auf die schmähliche Ermordung ihres ersten Gemahls völlig unschuldig oder mindestens gänzlich unwissend gewesen sein solle. Vor nicht langer Zeit (1856) ist noch in London eine Monographie über diese Frage erschienen. Leider ist sie mir noch nicht zu Gesicht gekommen und ich weiß daher nicht wie der Verfaffer die Frage beantwortet. Unter allen Umstän

den ist sie weder gleichgültig, noch ihre Entscheidung leicht zu finden, da in dem neueren Terte in keiner Aeußerung der Königin oder einer anderen Person ein bestimmter Anhalt dazu gegeben ist. Um so auffallender ist es, daß in diesem alten Drucke Hamlet seiner Mutter mit dürrren Worten sagt, Claudius sei der Mörder seines Vaters. Im Verlaufe der Unterredung versichert dann die Königin von diesem abscheulichen Morde nichts gewußt zu haben, und gegen Ende derselben wird sie durch diese Entdeckung bewogen, ihrem Sohne allen Beistand zur Ausübung der Nache an dem Verbrecher zuzusichern. Man kann sagen, sie conspirirt mit ihrem Sohn gegen ihren Gemal.*)

*) Der Verlauf dieser Szene im alten Tert ist in der Hauptsache folgender:

Der Anfang entspricht ungefähr dem neuen Terte, ebenso die Ermordung des Corambis, die im alten Tert fast mit denselben Worten begleitet ist. Nun folgt Hamlets vorwurfsvolle Rede an die Mutter. Während er auf das Gemälde von Claudius hindeutet, sagt er unter Anderem:

A! have you eyes and can you looke on him

That slew my father.

Hierauf geht die Königin nicht sofort ein. Der Geist erscheint und spricht ungefähr in demselben Sinn, nicht aber genau dieselben Worte, wie im neueren Tert. Nach dem Verschwinden des Geistes lesen wir Folgendes:

QUEEN. Alas it is the weaknesse of thy braine,
Which makes thy tongue to blazon thy hearts griefe:
But as I have a soule, I sweare by heaven,

I never knew of this most horrid murder:

But Hamlet this is onely fantasie,

And for my love forget these idle fits.

HAMLET. Idle, no mother, my pulse doth beate like yours,

It is not madnesse that possesses Hamlet.

O mother, if ever you did my deare father love,

Forbeare the adulterous bed to night,

And win your selfe by little as you may,

In time it may be you will lothe him quite:

Daß darnach den Dichter denn an der Aechtheit zu zweifeln, ist hier nicht der mindeste Grund eine ganz andere Auffassung des Charakters von der Königin geleitet haben muß, bedarf kaum einer Erörterung. Diese Bemerkung wird aber noch bedeutender dadurch, daß die Königin auch in der Folge eine andere Rolle spielt, als in der neueren Bearbeitung. Nicht daß sie activ eingriffe, aber schon in der nächstfolgenden Unterredung mit dem König sind ihre Aeußerungen nach dem alten Terte anders, als nach dem neueren und mit der von ihrem Sohne erhaltenen Aufklärung hängt die schon vorübergehend erwähnte Szene zwischen ihr und Horazio nach Hamlets Rückkehr von England zusammen.

In erster Beziehug könnte es möglicher Weise von Belang sein, sich davon Rechenschaft zu geben, ob nicht nach Shakspere's Absicht in dem alten Tert die nächstfolgende Unterredung der

And mother, but assist mee in revenge

And in his death your infamie shall die.

QUEEN. Hamlet, I vow by that majesty,

That knows our thoughts, and lookes into our hearts,

I will conceale, consent and doe my best,

What stratagem so e're thou shalt devise.

HAMLET. It is enough, mother good night:

Come sir, I' le provide for you a grave,
Who was in life a foolish prating knave.
Exit Hamlet with the dead body.

KING.

Enter the King and Lordes.

Now Gertred, what sayes our sonne, how doe
you finde him?

QUEENE. Alas my Lord, as raging as the sea:
Whenas he came, I first bespake him faire,
But then he throwes and tosses me about,

As one forgetting that I was his mother:

At last I call'd for help: and as I cried, Corambis

Call'd, which Hamlet no sooner heard, but whips me

Out his rapier, and cries, a Rat, a Rat, and in his rage
The good olde man he killes.

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