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IX-XCII an der Spize der drei Theile Heinrich VI. unter dem Titel: An essay on the three parts of King Henry VI. and King Richard III. Sollte ich mich auch hier und da seiner eigenen Ausdrücke bedienen, so wollen Sie mich deshalb keines Plagiats beschuldigen.

Die erwähnte Schrift R. Greens trägt den Titel:,,Groatsworth of Witte bought with a million of repentance" auf deutsch:,, für einen Groschen Weisheit, mit einer Million von Reue erkauft". Die Stelle selbst lautet:

Yes, trust them not; for there is an upstart crow, beautified with our feathers, that, with his tiger's heart wrapped in a player's hide, supposes he is as well able to bombast out a blankverse as the best of you, and, being an absolute Johannes Factotum, is in his own conceit the only Shakescene in a country.

Ich verdeutsche Ihnen diese Worte, so gut es gehen will, folgender Maßen:

Ja, traut ihnen nicht; denn da ist eine emporgekommene Krähe, geschmückt mit unseren Federn, die mit ihrem, in eines Schauspielers Haut gehüllten Tigerherzen sich für befähigt hält, einen reimlosen Vers eben so voller Schwulst herauszubringen, wie der Beste unter euch, und indem er geradezu ein Hans in allen Ecken ist, nach seiner Einbildung sich für den einzigen Bühnenerschütterer (Shakescene) seines Landes hält.

Daß diese Stelle auf Shakspere geht, bedarf keiner weiteren Erörterung; denn fände sich nicht in der Verstümmelung seines Namens ein genügender Beweis dafür, so würde die Parodirung einer Stelle aus seinen Schriften:,,his tiger's heart, wrapped in a player's hide" den Ausschlag für diese Meinung geben können. Dagegen ist es fraglich, ob diese Auslassung die Meinung vollständig rechtfertigen könne, daß Shakspere überhaupt nicht viel mehr als ein Ueberarbeiter älterer Stücke gewesen sei.

Das Pamphlet R. Greens erschien erst nach seinem Tode unter Veranlassung des Dichters Chettle. Der Verfasser desselben, ein Mann, der neben seiner reichen dichterischen Begabung einen überwiegenden Hang zum Leichtsinn hatte und in Folge dieser Schwäche abwechselnd in großen Verirrungen · und bitterer Reue das unglücklichste Leben führte, starb im größten Elend im September 1592. Wir können daher die Entstehung der Schrift nicht später als in den Sommer desfelben Jahres sehen. Schon in diesen dürftigen Angaben können Sie Veranlassung finden, um zu fragen, ob die Auslaffungen eines kranken, bis zum Tode ermatteten Mannes genügende Beweiskraft in der angezogenen Weise haben. R. Green war, gleich Marlowe, lange Zeit der Günstling des Publikums gewesen; beide hatten, wenn man so sagen darf, vor Shakspere die Bühne beherrscht. Neben ihnen stand Lodge und Peel als gefeierte Dichter. An diese drei ist auch, wie einstimmig versichert wird, die Schrift gerichtet. Sah sich unter solchen Umständen der Verfasser mit seinen drei Freunden durch den überwiegenden Beifall, den Shakspere's Stücke fanden, verdunkelt, so ist sein Gram an sich selbst begreiflich. Es ist aber noch begreiflicher, daß der von jeher überaus reizbare Mann, von Mangel, Krankheit und häuslichem Elend bis zum Erlöschen bedrückt, diesen Gram in übertriebenen Ausdrücken zu Papier brachte. Ist es nun schon in dieser Hinsicht zweifelhaft, ob seinen Worten voller Glaube zu schenken sei, so wird dieser Zweifel durch den Inhalt des ganzen Pamphlets, wie ihn Knight mittheilt, noch mehr bestärkt.,,Die ganze Schmähschrift R. Greens" - Knight's Worte,, ist vielleicht eins der ungewöhnlichsten Bruchstücke einer Selbstbiographie, wie sie jemals von Eitelkeit oder Reue hervorgebracht worden ist. Der Bericht, den er von dem Verlauf seines losen Lebens giebt, enthält nicht blos das Bekenntniß von Vergehn und Thorheiten, welche in einer höchst zügellosen Zeit gemein waren, sondern von recht eigentlichen und besonderen Verworfenheiten, deren Erwähnung allein eben so viel Schamlosigkeit als Reue

an den Tag legt." Demungeachtet, können Sie sagen, mag doch die angezogene Stelle einige Wahrheit enthalten und Shakfpere nicht ohne Unrecht des wiederholten Plagiats bezüchtigen. Wir müssen daher die Worte genauer ansehn. Der erste Sat, wo er von der schnell emporgekommenen Krähe spricht, die, geschmückt mit fremden Federn, ihr Tigerherz in eines Schauspielers Haut gehüllt, einen reimlosen Vers eben so wohl mit Schwulst herausbringen könne, als der Beste unter ihnen, könnte fast nur auf das Schauspielertalent, nicht aber auf das Dichtertalent Shakspere's gehen. Wir wollen aber diesen Einwurf fallen lassen und annehmen, daß er auf Shakspere's Dichtungen gehe. Dann entsteht die Verlegenheit, die Federn zu bezeichnen, welche das Eigenthum der drei angeredeten Dichter gewesen und von Shakspere zu seinem Schmucke gemißbraucht worden seien. Von diesem Standpunkte ist es auch, daß Malone die Mühe nicht gescheut hat, in einer ausführlichen Abhandlung über die alten Stücke: „, The first part of the contention pp." und ,,the true tragedy of Richard Duke of York pp." die unhaltbarsten Behauptungen zu vertheidigen. Diese sind zum Glück durch Knights Ausarbeitung über diesen Gegenstand vollständig widerlegt. Wollte man daher den Vorwurf des Plagiats an Marlowe, Lodge und Peel gegen Shakspere durchführen, so hätte man doch den Gegenstand dieses literarischen Diebstahls erst nachweisen müssen, ehe man diese Stelle als einen Beweis für Shakspere's untergeordneten Werth aufgestellt hätte. Ueberdieß könnten wir selbst die Möglichkeit zugeben, daß in den Jugendwerken Shakspere's Stellen und Gedanken aus Marlowe's, Lodge's, Peel's und Green's Schriften entlehnt wären, ohne deshalb Shakspere's Originalität in anderer weit höherer Beziehung zu bezweifeln. Denn so viel wird nicht abzuläugnen sein, daß unter allen genannten Dichtern schlage man auch Marlowe's Talent noch so hoch an

nicht Einer ist, der das eigentliche Wesen und den Kern der dramatischen Dichtung mit der Erhabenheit aufgefaßt hätte wie Shakspere selbst.

So weit diese Betrachtung auch von unserem speziellen Ziele abzuführen scheint, kann ich mir dennoch nicht versagen hier an eine andere Schwäche des allgemeinen Urtheils über Shakspere's Stellung zur Bühne zu erinnern. Was hat man sich nur dabei gedacht, wenn man Shakspere die Erschaffung der englischen Bühne wiederholt zusprach (namentlich Dryden), wenn man ihn den Vater derselben nannte? Ist es doch allseitig bekannt, daß vor seinem Auftreten, fast vor seiner Geburt eine englische Bühne bestand und in ihrer Art glänzte. Ich will Sie nicht noch ein Mal an die Namen älterer, in der That nicht unbedeutender Dichter erinnern, welche schon als die Zeitgenossen R. Greens genannt sind. Neben ihnen arbeiteteten aber noch viele Andere, wie Kyd, Whetstone, Heywood, deren dramatische Gedichte mit großem Beifall und unter ́bedeutendem Zulauf dargestellt wurden. Noch mehr geht die Gewalt, welche damals die dramatische Poesie auf das Publikum ausübte, aus mehreren Schmähschriften von Seiten der Puritaner gegen dieselbe hervor. Als älteste wird eine solche von John Northbrooke aus dem Jahre 1577 genannt. Noch bekannter ist die von der Sh. society neu abgedruckte Schrift Goffons, welche unter dem Titel the school of abuse im Jahre 1579 abgefaßt war. Sie sehn daraus, daß bei Shakspere's Auftreten von einer neuen Schöpfung des Theaters gar nicht die Rede sein konnte. Wohl aber war er der Urheber einer gewaltigen Umwälzung der gesammten dramatischrn Poesie und Kunst. Doch bestand auch diese nicht vorzugsweise in der Umgestaltung der äußeren Erscheinung, sondern in der völligen Umwandlung ihres Wesens. Wir könnten sagen, er habe die Bestrebungen, worin seine Vorgänger ihr Ziel und ihren Zweck erkannten und suchten, zu seinen Mitteln umgewandelt, um einem weit höheren Ziele, als jene begriffen hatten, nachzustreben. Denn ist unter Anderem bei Marlowe fast Alles auf die Ueberraschung und furchtbare Erschütterung gestellt, ohne daß man zu der erhebenden Ansicht eines großen gewaltigen Schicksals gelangt, so gebraucht Shakspere das Außerordentliche,

sei es auf tiefe Erschütterung oder innige Rührung gerichtet, nur als Mittel, um dadurch die tiefsten Geheimnisse einer unerschütterlichen Weltordnung selbst bei den verwickeltsten Schicksalen anschaulich zu machen. Hier ist es denn auch, wo er sich trok des Einflusses, den Marlowe auch auf ihn ausgeübt hat, von diesem entschieden trennen mußte. Wie hätte auch diese Richtung sich mit dem titanischen nach dem Chaos gewendeten Streben des atheistischen Marlowe vertragen, wie hätte fie mit den Gesinnungen Greens zusammengehn sollen, da wir diesen als den unablässigen Spielball eines von Leichtsinn und Rene zerrissenen Gemüthes kennen?

Aus diesem Gegensatz geht meines Erachtens eine weit bündigere Erklärung der ganzen Stelle in R. Greens Schmähschrift hervor, als bisher darin gesucht worden ist. Denken Sie Sich - und es ist wichtig genug diese Vorstellung schon in die Jahre 1591 oder 92 hinauszuschieben - daß Shakspere's Auftreten in ähnlichen Stoffen und Formen, wie sie von den bisherigen Lieblingen des Publikums bearbeitet worden waren, der gesammten Welt neue, bis dahin ungekannte Anschauungen offenbarte; stellen Sie Sich vor, daß namentlich seine Historien nicht wegen wesentlich verschiedener Formen, sondern weil sie den Zuschauern die Geschichte in ihrer wahren Gestalt vor die Augen führten, ältere geschichtliche Stücke von Marlowe und Green nicht blos in den Hintergrund schoben, sondern im Vergleich mit ihnen unerwartetem und bitterem Tadel ausseßten; nehmen Sie dazu die nicht unwahrscheinliche Vermuthung, daß Marlowe und Green, sei es bewußt oder unbewußt von der Erschütterung solcher bis dahin ungeahnter Anschauungen vielleicht am Meisten ergriffen wurden, und fügen Sie dieser Vorstellung endlich das Bild eines unglücklichen, im Elend verschmachtenden Dichters hinzu, der neben allen bitteren Kränkungen seines ohnedieß zerrissenen Herzens, auch diesen Gram bis in die innersten Tiefen seines Gemüthes empfand, so werden Sie mit mir begreifen, was die ganze Stelle zu bedeuten und welchen Sinn man den Worten beizulegen habe, mit denen

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