Imatges de pÓgina
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III.

Fortseßung.

Neuere Shakspere-Kritik in England. — Deutscher Einfluß auf dieselbe. – P. Collier und Chls. Knight. — Rob. Green's Pamphlet gegen Shakspere. Shakspere im Verhältniß zu seinen Vorgängern.

Verehrter Freund!

Auf das fast übereinstimmende Urtheil der älteren und mehrerer neueren Commentatoren hinsichtlich des Zeitpunktes, zu welchem Shakspere's dramatisches Dichten begonnen habe, oder aus welchem Jahre sein erstes Drama stammen könne, hatte noch ein besonderer Umstand einen, wenn auch nicht völlig entscheidenden, so doch bedeutenden Einfluß. Als Shakspere das Gedicht: Venus und Adonis seinem jungen Freunde, dem Grafen von Southampton, im Jahre 1593 widmete, nannte er dasselbe in der Zueignungsschrift: „, the first heir of my invention", den ersten Erben meiner Erfindung. Glaubt man, wie es sehr nahe liegen könnte, daß dieses Gedicht kurz vor dieser Widmung geschrieben sein müsse, so wird man sich für berechtigt halten dürfen, anzunehmen, daß Shakspere vor demselben, also etwa vor dem Jahre 1592 überhaupt gar kein Gedicht oder mit anderen Worten, nichts abgefaßt habe, was er mit gleichem Rechte,,, the heir of my invention" hätte nennen können. Wäre dieser Saß in seiner ganzen Ausdehnung erwiesen, so würde der ganze Streit für beendet anzusehen sein. Zuerst aber ist überhaupt kein Grund vorhanden, um davon überzeugt zu sein, daß das Gedicht erst im Jahre 1592 oder kurz vor seiner Zueignung an den Grafen Southampton abgefaßt sei. Dazu kommt ferner, daß selbst bei der höchsten Meinung von Shakspere's außerordentlicher Befähigung man kaum im Stande ist, dieses Gedicht, so wie es gedruckt ist, für die erste Arbeit eines jungen Dichters zu halten. Ja ich finde selbst in dem von Shakspere gebrauchten Ausdrucke nicht einmal die unbedingte Nothwendigkeit dazu.

Dieses geheimnißvolle Wort the first heir of my invention. scheint allerdings dem Zusammenhange nach nichts anderes zu heißen, als: gegenwärtiges Gedicht, das ich zuerst abgefaßt habe. Dagegen liegt in demselben Zusammenhange auch der unzweifelhafte Ausdruck des lebhaftesten Wunsches, daß dieses Gedicht seinem Gönner gefallen möge. Wiewohl er dasselbe für zu schwach hält, um des hohen Schußes würdig erachtet zu werden, wiewohl er ferner ausspricht, daß, wenn das Gedicht seinem Gönner gefalle, er sich bemühen wolle, ihn mit einer gewichtigeren Arbeit zu ehren, können wir doch nicht glauben, daß er dasselbe flüchtig oder leichthin niedergeschrieben habe. Wir müssen vielmehr überzeugt sein, daß es das Werk einer überaus sorgfältigen Arbeit sei. Auch wird Jeder, der nicht von dem allerdings weit verbreiteten Vorurtheil befangen ist, Shakspere habe bei seinen Schriften stets nur dem Glücke und der Gunst der Inspiration vertraut, in dem Gedichte selbst Belege genug für diese Ueberzeugung finden. Bei solcher Anschauung sehen wir aber die Vermuthung immer mehr gerechtfertigt, daß zwar der Inhalt des Gedichtes schon längst von ihm erfunden, ja vielleicht schon bearbeitet war, daß aber die gegenwärtige sorgfältigere Ausführung in eine Zeit fällt, wo er durch mannichfache Uebung schon eine höhere Gewandtheit der Sprache gewonnen hatte.

Weit bedeutender für unseren Zweck ist eine zweite, nicht minder gerechtfertigte Auslegung. Nach den damals herrschenden Ansichten darüber, was man ein Gedicht nennen dürfe, wurde zwischen dramatischen und anderen poetischen Arbeiten ein so großer Unterschied gemacht, daß man jene kaum Gedichte (poems), den Verfasser derselben kaum einen Dichter zu nennen pflegte. Jedenfalls legte man auf die poems im engeren Sinne des Wortes einen weit höheren Werth als auf die plays. Daß Shakspere vorzugsweise in diesem Falle war, bedarf kaum eines Beweises, da er troß der Nachfrage, welche nach vielen seiner dramatischen Arbeiten war, so weit uns bekannt ist, nicht eine derselben selbst in den Druck ge

geben hat, wenn nicht vielleicht der eine Abdruck des Hamlet, den ich Ihnen später werde zu nennen haben, eine Ausnahme bildet. Daß er durch die gegen seine Theater übernommene Verpflichtung daran behindert worden wäre, ist allenfalls zu vermuthen, nicht aber als genügender Grund anzunehmen, weil bei einem überwiegenden Bedürfnisse, seine Dramen durch den Druck bekannt machen zu lassen, ihm, der, wie wir wissen, der stärkste Theilhaber an dem Unternehmen war, die Zustimmung der Andern nicht leicht gefehlt haben würde. Wie wenig aber dieses Bedürfniß ihm nahe gestanden haben muß, geht zur Genüge daraus hervor, daß er bis an das Ende seiner Laufbahn sich hat gefallen lassen, seine dramatischen Werke in der fehlerhaftesten Weise, ja nicht selten mit den empfindlichsten Verstümmelungen gedruckt zu sehen. Ließ er dagegen die beiden Gedichte,, Venus und Adonis“ sowie ,,Tarquin und Lucrezia" im Drucke erscheinen, so geht daraus, nach meiner Ansicht, der Beweis hervor, daß er auf fie, weil er sie für wirkliche Gedichte (poems) hielt, einen überwiegenderen Werth legte. Auch heben mehrere Schriftsteller Shakspere's dichterische Befähigung besonders in Bezug auf diese Arbeiten hervor. Aus dem Allen rechtfertigt sich die Annahme, daß, wenn auch dieses Gedicht erst später entstanden sein sollte, mit jenem Ausdruck keineswegs die Möglichkeit weit älterer dramatischen Arbeiten Shakspere's ausgeschlossen ist. Je mehr wir uns daher von den allgemeinsten Bedingungen und Erfordernissen jeder menschlichen Geistesbildung zu der Ueberzeugung gedrängt sehen, daß Shakspere's erste dramatische Dichtung nicht erst in das Jahr 1589 bis 1590 zu setzen sei, desto weniger können wir uns unter den angeführten Umständen in dieser Ueberzeugung von Andeutungen irre machen lassen, deren Bedeutung nicht genug über jeden Zweifel erhaben ist, um uns das Unglaubliche für wahr halten zu lassen.

Sie könnten geneigt sein mir gegen diese Aufstellung den Einwand zu machen, da auch die Mehrzahl der neueren Com

mentatoren bei einer, gegen die frühere weit unbefangeneren Kritik und gründlicheren Forschung diese Zeitangabe festhalten, müßten jedenfalls allzuwichtige Gründe dafür sprechen, als daß man mit meinen Vermuthungen dagegen aufkommen könnte. Allerdings ist zuzugeben, daß sich eines Theils auch in England das Urtheil über Shakspere seit ungefähr 40 bis 50 Jahren geläutert hat und daß anderen Theils bedeutende Autoritäten, unter ihnen vor Allen P. Collier nicht blos in Bezug auf den Zeitpunkt, in welchen das älteste unter den bekannten Stücken Shakspere's zu sehen sei, sondern auch bei der Frage über die Aechtheit vieler zweifelhafter Stücke ihr Urtheil noch immer an das ihrer Vorgänger anlehnen. Dagegen können wir, bei aller Anerkennung dessen, was von Coleridge, Hazlit, Halliwel und Collier, was ferner unter dem Schutz der Shakspere-society geleistet worden, uns nicht darüber täuschen, daß die Kritik der meisten Engländer nicht in Bezug auf Shakspere allein, sondern im allgemeinen Gebiete der Kunst und Poesie der erforderlichen Freiheit und Selbstständigkeit entbehrt. Erwarten Sie nicht, daß ich dieses überaus reichhaltige Thema hier zu erschöpfen versuchen werde. Gestatten Sie mir vielmehr nur die Frage hinzustellen, ob es denkbar sei, daß sich bei der vorherrschenden Richtung der gegenwärtigen Seelen- und Gemüthsstimmung in England diese Freiheit und Selbstständigkeit entwickeln könne? Darf man alles Ernstes glauben, daß das auf's Höchste gespannte Streben nach der erschöpfendesten Ausbildung und Vervollkommnung Alles dessen, was den Bedingungen und Erfordernissen des materiellen Lebens angehört, mit einer freien und unbefangenen Begeisterung für Kunst und Poesie vereinbar sei? Die jüngst vergangene Geschichte und der gegenwärtige Zustand des großbritannischen Reiches und der englischen Nation gewähren uns allerdings ein bewunderungswürdiges Schauspiel von geistiger Kraft, Ausdauer und Ausbildung; wir sind sogar versucht, die auf diesem Wege gewonnenen Erfolge für die Frucht einer hochgespannten Begeisterung zu halten. Aber

wir finden uns enttäuscht, wenn uns eine nähere Betrachtung darüber belehrt, daß alle diejenigen Grundlagen staatlicher, nationaler und sozialer Eristenz, welche die eigentliche Quelle der Begeisterung bilden, wie Religion, Vaterlandsliebe, Familienanhänglichkeit weit weniger um ihrer selbst Willen als wegen des großen gemeinsamen Zweckes verehrt und in Anspruch genommen werden. Wie sollte nun bei dem Vorherrschen einer solchen Stimmung die rückhaltslose Verehrung, die völlige Hingebung an diejenige Geistesthätigkeit denkbar sein, die ihre größte Befriedigung, ja ihr eigenstes Ziel darin hat, daß sie eben gar keinem Zwecke, als dem ihrer Befriedigung dienen will, ja die sogar in unendlichen Fällen, fast in der Regel mit jener auf materielle Zwecke gerichteten Thätigkeit in feindlichen Widerspruch treten muß? Fassen wir den Gegensaß, um den es sich hier handelt, in wenigen Worten zusammen, so müssen wir uns sagen, das heutige immerhin Verehrung gebietende praktisch materielle England kann nicht im Stande sein, sich zu einem unbefangenen und erschöpfenden Urtheil über den Gipfelpunkt des Lebens in jenem fröhlichen durch und durch poetischen alten England des sechszehnten Jahrhunderts zu erheben.

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Aber woher dann die neuerwachte, wenngleich nur scheinbare Begeisterung für Shakspere im ersten Viertel dieses Jahrhunderts? So werden Sie natürlich fragen müssen. - Sie wuchs nicht aus der veränderten Gesinnung, nicht aus dem inneren Bedürfniß hervor, sondern sie entstand unter günstigen Bedingungen durch einen fremden Einfluß. Wenn Sie die neueren kritischen Schriften der Engländer lesen, so werden Sie sich überzeugen müssen, daß ihre Betrachtungen sich immer wieder auf diejenigen Beurtheilungen Shakspere's beziehen, welche von den Deutschen zuerst ausgegangen sind. Lessing, Goethe, Herder, Schlegel und Tieck werden bei unzähligen Gelegenheiten angeführt, Gervinus, Ulrici, auch der ältere Franz Horn sind allen neueren Kritikern bekannt. Ueber Coleridge, der unfehlbar das Verdienst hat, unter allen Eng

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