Imatges de pÓgina
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so großen Geburtswehen das Licht der Welt erblicken, so sind wir ohne allen Zweifel zu dem Geständnisse genöthigt, daß ihre Wiedergeburt auf der Bühne, wenn auch nicht eine gleid,e, so doch eine ungewöhnlich große Begabung verlangte. Sie werden, wie ich hoffe, keinen Anstoß an diesem Ausdruck nehmen, wenn Ihnen im Gedächtniß ist, daß von älteren Männern, die noch Fleck's Darstellung des Wallenstein gesehen hatten, nicht selten ausgesprochen wurde, er habe gewisser Maßen diese Rolle erst neu geschaffen. Wenn ich nun den Ruf Burbadge's in diesem Zusammenhange betrachte, so werden Sie den Ausspruch gerechtfertigt finden: wer es vermochte einen Richard III., Hamlet, Lear, Othello und andere große Gestalten Shakspere's dergestalt auf der Bühne wiederzugebären, daß nach den Ueberlieferungen aus seiner Zeit eine späte Nachwelt ihm noch den ersten Rang unter seines Gleichen einräumt, der muß im Besiße der höchsten, ja vielleicht einer Kunst gewesen sein, für die wir, mindestens nach heutigen Erscheinungen, keinen Maßstab mehr haben. Von einem Beifall, der nur auf dem Boden eines conventionellen Vorurtheils stände, kann unter den angeführten Umständen ohnedieß nicht die Rede sein. Wenn es sich um eine nur vorübergehende oder von zeitweiligen Umständen bedingte Geschmacksrichtung handelte, könnten wir weit eher den Beifall und die Gunst, welche Komiker damaliger Zeit genossen, als Wirkung derselben betrachten.

Auch ist es in dieser Beziehung bedeutsam, daß unter den Schauspielern, von denen uns P. Collier die Denkwürdigkeiten mittheilt, die überwiegende Zahl dem Fache der Komiker angehört, während Burbadge in dem ausgedehnten Ruhme seines tragischen Talentes fast ganz vereinzelt dasteht. nach allen diesen Anführungen, gegen die wahrhafte Gediegenheit dieses Künstlers kaum noch ein Zweifel erhoben werden. kann, wird es erlaubt sein, in der Betrachtung seines Verhältnisses zu Shakspere noch einen Schritt weiter zu gehen. Daß zwischen dem Dichter und dem darstellenden Künstler

eine gegenseitige Wechselwirkung bestanden haben müsse, kann kaum noch Gegenstand der Vermuthung sein: es muß vielmehr zur Ueberzeugung werden. Man wird es aber auch nicht für unmöglich halten dürfen, daß nicht blos die allgemeine Be= liebtheit Hamlet's durch die Darstellungen Burbadge's befördert worden sei, sondern auch, daß seine ausgebildete Kunstfertigkeit dem Dichter zur Ausführung mancher großen Rolle und namentlich zu der neuen Bearbeitung des Hamlet den lezten Anstoß gegeben habe.

Es kann nicht meine Meinung sein, behaupten zu wollen, daß die lezte Bearbeitung des Hamlet nur für Burbadge geschrieben sein müsse. Dieß würde fast angenommen werden dürfen, wenn man P. Colliers wiederholt ausgesprochene Erklärung für die in der lezten Szene des fünften Aktes enthaltene Andeutung von Hamlet's Wohlbeleibtheit und seinem kurzen Athem für völlig begründet und gerechtfertigt hielte. Der Grund, welchen dieser Kritiker dafür anführt, daß nämlich die bezüglichen Worte geschrieben worden seien, weil Burbadge damals von ähnlicher Gestalt gewesen sei, ist nicht einmal völlig zutreffend. Denn wäre es wahr, daß Burbadge früher den Jeronimo in Kyd's spanischer Tragödie gespielt hatte, so müßte man glauben, daß er von sehr kleiner Gestalt gewesen sei. Nach mehreren unzweideutigen Stellen in dieser Rolle_ist_min= destens nicht zu bezweifeln, daß sie auf einen Schauspieler von sehr geringer Größe berechnet war. Nun würde es aber doch fast zu viel verlangt sein, wenn man sich den ersten und vorzüglichsten Schauspieler des Hamlet kurz und dick vorstellen sollte. Unter allen Umständen ist es wohlthuender, diejenige Erklärung gelten zu lassen, welche in Goethe's Wilhelm Meister dem Angriff Aureliens auf den fetten Hamlet" entgegenge= stellt wird. Auch Tieck war der Meinung, daß eine volle Gestalt mit der Gemüthsverfassung Hamlet's im Zusammenhang stehen könne.

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Wie dem aber auch sei; es kann sich hierbei nicht darum handeln, eine unerquickliche Erklärung für die Entstehung die

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ses Meisterwerkes zu suchen. Nur darauf kam es an, auch in dieser Vermuthung eine Spur für die innige Verbindung anzudeuten, in welcher Burbadge mit Shakspere gestanden haben müsse. Denn in dieser liegt die stärkste Veranlassung, trotz aller möglichen Zweifel, in ihm eine große künstlerische Begabung vorauszusetzen. So gewiß wir in Shakspere selbst die größte dichterische Erscheinung, den tiefsten Menschenkenner, den Mann der feinsten und ausgedehntesten Bildung auch dann verehren müßten, wenn uns von seinen persönlichen und Lebensverhältnissen gar nichts bekannt wäre, so gewiß müssen wir überzeugt sein, daß dieser Burbadge, der sein spezieller Landsmann und vielleicht sein Jugendgenosse war, von dem er sich von der Zeit an, wo er die Bühne betrat, nicht wieder ge= trennt hat, und dem er endlich seine schönsten Dichtungen zur Darstellung vertraute, im Besiß einer nicht geringeren geistigen Bildung gewesen sei.

Was von Joseph Taylor, der wahrscheinlich der Nachfolger Burbadge's in der Rolle Hamlet war, zu berichten ist, werden Sie mir gestatten bis zum nächsten Schreiben zu verschieben. Denn es wird ohnedieß darauf zurückzukommen sein, wenn wir uns mit einer Betrachtung von Hamlet's Leben auf der Bühne von England nach der Shakspere'schen Zeit beschäftigen.

VIII.

Zeit der Revolution und Restauration. — Jos. Tayler, Lowin, Hart und Mohun. Aufhebung des Theaters 1642 und 1648.

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Zustände

der damaligen Zeit und der Theater. Umarbeitungen ShakspeHamlet. Betterton.

re'scher Stücke.

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1740 Dav. Garrick.

wecker von Shakspere?

Mrs. Saunderson War er der Wiederer=

Seine Umarbeitungen Shakspere'scher

Stücke und besonders Hamlets.

Einige seiner Nachfolger.

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Verehrter Freund!

Garrick als Schauspieler.

Schon in dem leßten Schreiben ist vorübergehend angedeutet worden, daß die höchste Blüthe der dramatischen Kunst und Poesie bereits ihrem Abfalle zuneigt, kurz nach dem sich Shakspere von der Bühne zurückgezogen hatte. Was aus dem Bedürfnisse der Nation erwachsen und unter ihrem Schuße und Beifall zu der schönsten Frucht gereift war, das sollte nun dem Glanze des Hofes dienen. Glücklich, wenn der Hof erleuchtet und unbefangen genug war, die Freiheit der Kunst und Poesie zu achten und auf diesem Standpunkte davon absah, eine ausschließende Richtung des Geschmacks als gebieterisches Gesez darüber, was für Poesie und Kunst gelten dürfe, aufzustellen und durchzuführen. Ich wüßte nicht, daß Jakob I. und Carl I. dieser Ruhm abgesprochen werden dürfte. Aber Lassen Sie den Regenten und seinen Hof auch noch so erhaben über alle Vorurtheile sein, so wird dennoch eine Hofbühne sich in einem ganz anderen Verhältniß befinden als eine Nationalbühne. Daß England diese besaß, war der wesentlichste Grund für ihre freie und mächtige Ausbildung, und daß die Bühne und die dramatischen Dichter der letzten Shakspere'schen Periode und der ihm nachfolgenden Zeit immer mehr in die Abhängigkeit und unter den Einfluß des Hofes traten, war unzweifelhaft von wesentlichem Belang für ihr Versinken in Verirrungen und Schwächen. Die Mitglieder von Ben Jonson's

Schule, wie Beaumont und Fletcher, Webster, Shirley, Massinger und viele andere Nachfolger Shakspere's waren zwar an sich selbst nicht als ebenbürtige Bewerber um den Ruhm ihres großen Vorgängers anzusehen. Indessen stand ihnen an Begabung und Ausbildung genug zu Gebote, um die Bühne in höherem Glanze zu halten, wenn sie weniger nach der Gunst des Hofes und mehr nach der Befriedigung eines großen poetischen Bedürfnisses in der Nation gestrebt hätten. Was Graf W. Baudissin (Ben Jonson und seine Schule, Vorrede) hierüber ausspricht, muß ich ganz zu meiner Ansicht machen. Wir erblicken hier einen ähnlichen Vorgang, wie in dem Umstande, als in Italien kurz nach Raphaels Ableben die akademische Richtung der Schulen von Bologna, Venedig und später von Neapel die Oberhand gewannen über die unmittelbar aus dem inneren Bedürfniß hervorgehende Begeisterung. Gleichwie dort unter den Carrccis, Dommichino und Andern eine kirchliche Palastmalerei an die Stelle derjenigen Kunst trat, welche die Kirche poetisch verherrlichen wollte, gleichwie dort große Talente und Fähigkeiten dieser neuen Richtung dienten, so auch in England, wo das Streben nach einem, außer dem poetischen Bedürfniß liegenden Ziele von Männern bedeutender Begabung getragen wurde. Die Uebermacht der Vorurtheile und Mißverständnisse, welche auf jenem Wege entstanden waren und die zeichnenden Künste fast zwei Jahrhunderte beherrschten, ist von Winckelmann zuerst siegreich angegriffen und von einem nachfolgenden Geschlechte mindestens so weit überwunden worden, daß über die Unantastbarkeit der Muster aus jener großen Zeit nicht mehr gestritten wird. Anders ist es mit Shakspere und seiner Zeit; und gehen wir auf den Grund der Frage, warum noch immer Meinungen auftauchen, als sei trotz aller Vortrefflichkeit und Erhabenheit von Shakspere's Dichtungen Vieles an ihnen von einer aufgeklärteren und feiner gebildeten Zeit nicht zu ertragen, als dürfte man diese Musterwerke jeder Kürzung, Veränderung und Verstümmelung unterwerfen, um sie dem Bedürfnisse der Menge nach Unterhaltung und Be

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