Imatges de pÓgina
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scheinen mit ihm königliche Rechte genossen zu haben. Die kriegerische Königin von Schottland begleitet ihn auf allen seinen Kriegszügen, wird aber dann zur Verrätherin an ihm und heirathet, nachdem sie seinen Tod veranlaßt oder verschuldet hatte, den nachgelassenen Sohn des Königs Rorich von Dänemark, den Bruder von Hamlets Mutter Namens Wizlerus. Hier schließt Belleforest seine weitschweifige Erzählung.

Sie sehn hieraus, daß Shakspere aus dieser Quelle nicht viel mehr, als die hauptsächlichen Motive der ganzen Begebenheit entnommen hat, das ist die Ermordung des Fürsten durch seinen eigenen Bruder, die Verheirathung der Wittwe mit ihrem Schwager, den verstellten Wahnsinn des Prinzen, der in der Erzählung wiederholt der rechtmäßige Erbe seines Vaters genannt wird. Auch gehört dahin der Versuch des Königs ihm zuerst durch die Zärtlichkeit eines schönen Mädchens, dann durch die Mutter das Geheimniß abzulocken, bei welcher GeLegenheit der allzu dienstfertige Hofbeamte ermordet wird. Die englischen Kritiker wollen bemerken, daß Shakspere in dieser Scene fich vorzugsweise an seine Quelle gehalten habe. Wahr ist es allerdings, daß auch im Belleforest Hamlet in dem Augenblick, wo er den Hofbeamten ersticht, ausruft: eine Ratte! eine Ratte! Nach obiger Bemerkung scheint aber dieß der Zusatz eines spätern Ueberarbeiters der Erzählung zu sein. Auch macht er seiner Mutter die bittersten und eindringlichsten Vorwürfe über ihr Vergehn. Aber außer den Beweggründen, von denen jener alte Hamlet eben so wohl ausgehen mußte, als der neue Shakspere'sche, haben beide Auslaffungen wenig Verwandtschaft. Selbst das vermisse ich hier, was sonst bei Shakspere häufig vorkommt, daß er seiner Quelle ein poetisches Bild entlehnt und dasselbe mit meisterhafter Kritik seinen dramatischen Personen in den Mund legt. Allerdings ist der Tert des Belleforest an solchen Bildern weit ärmer, als nach den wenigen Bruchstücken, die mir vom Original bekannt sind, Holinscheds Chronik sein muß. Denn dieser französische Erzähler des sechszehnten Jahrhunderts, den ich leider noch nicht

genauer habe betrachten können, scheint den damaligen Modestyl italienischer Novellisten, wie z. B. des M. Bandello in mißverstandener Weise nachahmen zu wollen. Mindestens schreibe ich es diesem Umstande zu, daß, gleich wie bei Jenen, auch bei ihm mehrere lange Reden voll prunkender Redensarten der Erzählung beigemischt sind. Davon konnte freilich Shakspere nichts gebrauchen. Ferner ist noch der Reise nach England und der Vertauschung des Schreibens an den dortigen König zu gedenken. Auch hierin ist Shakspere nur zum Theil seiner Quelle gefolgt. Hiermit wären aber auch die Begebenheiten, welche er nicht völlig neu erfunden hat, fast erschöpft, wenn nicht noch an die Ueberwindung des Königs von Norwegen errinnert werden soll; da auch dieses Ereigniß im Belleforest sowohl als im Saro Grammatikus den Hauptbegebenheiten vorausgeht, hier aber von keinen weiteren Folgen für die späteren Ereignisse wird, während Shakspere dasselbe zu seinem Plane benutt.

Aus Shakspere's Erfindungsgabe ist dagegen die gänzliche Umgestaltung der Art und Weise, wie Hamlets Vater umgebracht worden, hervorgegangen. Das Geheimniß, unter welchem dieses Verbrechen verschleiert ist, bis der Geist des Ermordeten seinen Sohn davon unterrichtet, die Erscheinung des Geistes selbst, die völlig selbstständige Schöpfung mannichfaltiger Charaktere, wie der des Polonius, des Laertes, Horazio und vor allen der Ophelia's, das Alles ist Shakspere's ausschließliches Eigenthum. Es könnte scheinen, als sei hiermit und mit der vorübergehenden Erinnerung an die sinnreiche Erfindung der Schauspielscene, an die Empörung des Laertes, die Fechterscene sowie das Eingreifen des Fortinbras und endlich mit der Hinweisung auf den Wahnsinn Ophelia's genug geschehen, um die fast selbstständige Schöpfung der Tragödie als solcher Shakspere's Ingenium gänzlich zu vindiziren, wenn nicht das Bedeutendste noch übrig wäre: das ist die gänzliche Umkehrung des entnommenen Stoffes in eine völlig neue Gestaltung. Daß der scharfsinnige Verstand und die erschöpfendste Klugheit bei

dem Märchen des Saro Grammatikus sowohl als bei der breiten Erzählung des Belleforest, mindestens bis zu dem Tode Fengo's die Mittel zum Gelingen aller Pläne Hamlets sind, wogegen bei Shakspere dieselben Eigenschaften zu dem entgegengeseßten Ende führen, das ist meines Erachtens so zu sagen das Herz und der Mittelpunkt der großen Erfindung des Dichters. Hierüber weiter nachzudenken muß vor der Hand ausgefeßt bleiben, bis wir die Geschichte dieser wunderbaren Schöpfung genauer betrachtet haben. Diese wird der Gegenstand meiner nächsten Briefe sein.

II.

Beleuchtung der gangbaren Meinungen über Shafspere im Allgemeinen und über den Beginn seiner poetischen Laufbahn.

Verehrter Freund!

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Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß wir für die Geschichte der einzelnen Dramen Shakspere's mit wenigen Ausnahmen fast nur auf Vermuthungen verwiesen sind. Troy dem großen Fleiß, welchen ältere Kritiker auf die Ermittelung der Frage, zu welcher Zeit die einzelnen Stücke Shakspere's entstanden sein können, verwendet haben, befinden wir uns dennoch in dem Falle, Alles, was sie uns mittheilen, nur mit der größten Vorsicht zu gebrauchen, wenn nicht wie es nicht selten der Fall ist -die Behauptungen derselben als völlig verwerflich erscheinen. Der wesentlichste Grund der großen Unzuverlässigkeit ihrer Angaben liegt, meines Erachtens, in dem Standpunkte, welchen sie bei der Beurtheilung Shakspere's im Allgemeinen annehmen. Wie hoch man auch den Eifer und die Gelehrsamkeit vieler englischen Commentatoren anschlagen mag, so kann man sich doch der Ueberzeugung nicht erwehren, daß sie fast ohne Ausnahme von dem Vorurtheil beherrscht

wurden, als könne Shakspere's Dichterruhm nur unter bedeutenden Beschränkungen und mit wohlbedächtigem Vorbehalt anerkannt werden. Die Sorge, ihn wegen mancher Verstöße gegen Geschichte und Geographie, gegen Geschmack und Bildung, ja selbst gegen Grammatik und Sprache zu rechtfertigen oder mindestens zu entschuldigen, läßt immer wieder durchblicken, daß man im Grunde Shakspere für nicht mehr hielt, als ein gewaltiges Kraftgenie, das aber von aller Erziehung und wissenschaftlichen Ausbildung entblößt sei. Sie können mir zwar einzelne Stellen aus Johnson's oder aus Pope's Vorreden zu seinen Werken, aus den Anmerkungen von Steevens, Malone und Anderen vorhalten, um mich auf entgegengeseßte Aeußerungen dieser Kritiker zu verweisen. Doch bitte ich zu bemerken, daß solche einzelne Ausdrücke der Bewunderung mit weit bestimmter gefaßten Auslaffungen über einzelne Stücke oder Theile von Dramen im schroffsten Widerspruch stehen. Die Injurien, mit welchen Voltaire ihren ersten Dichter beehrte, waren ihnen allerdings zu stark; sie mußten daher doch etwas thun, um sich ihres Landsmannes anzunehmen. Dieß ist es, was unter Anderem in Johnson's Vorrede durchleuchtet, als er Voltaire's Vorwurf aufnimmt, daß eine Nation, welche Addiffon's Cato zu würdigen wisse, sich an Shakspere's rohen Werken ergözen könne. Wie schwach und selbst widersinnig ist aber seine Vertheidigung, wo er unter Anderem ausspricht, Addisson rede allerdings die Sprache der Poesie, Shakspere dagegen die der Menschen. Als ob es eine Poesie geben könne und dürfe, die nicht die Sprache der Menschen redete! Wie immer auch der Standpunkt jener Gelehrten bezeichnet werden möge, so werden Sie mir, wie ich hoffe, so viel gewiß eingestehn, daß sie die wunderbare Harmonie des Geistes, nach welcher Shakspere vom Beginn seiner dichterischen Laufbahn an gestrebt hat, und welche aus seinen besten Werken auf das Schlagendste hervorleuchtet, niemals in's Auge gefaßt, geschweige denn zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen gemacht haben. Daß diese Eigenschaft, die ihn über alle anderen Dichter seiner Mit- und Nach

welt weit mehr erhebt, als irgend ein anderer Vorzug, nicht wie eine wilde Pflanze ohne die Gunst sorgsamer Pflege, ohne den Einfluß einer eigenthümlichen Atmosphäre gedeihen könne, dafür werden Sie keinen Beweis von mir verlangen. Daß aber die Nachforschungen jener Gelehrten, nach den Spuren seiner inneren geistigen Entwickelung sowohl als nach den Einflüssen seiner Zeit auf dieselbe, eine ganz andere Gestalt annehmen und einen anderen Weg einschlagen mußten, wenn sie von dieser Anschauung ausgegangen wären, werde ich, so weit es thunlich, mit wenigen Worten nachzuweisen haben.

Sie mögen geneigt sein, verehrter Freund, die Schwierigkeiten der Aufgabe im Allgemeinen sehr hoch anzuschlagen; und ich kann Ihnen nicht widersprechen, wenn Sie behaupten, daß ein erschöpfendes Eindringen in alle Geheimnisse derjenigen Verbindungen und Beziehungen, in welchen die geistige Entwickelung eines großen Dichtergeistes mit seiner Zeit und seinen Umgebungen sich entfaltet, immer nur annähernd gelingen kann. Wir müssen uns deshalb unter allen Umständen bescheiden, vielen Irrthümern und vielen Widersprüchen in den aufgestellten Meinungen zu begegnen. Im gegebenen Falle ist die Lösung mit doppelt erhöhten Schwierigkeiten verbunden, weil die Zeit Shakspere's, da sie von der wunderbarsten geistigen Erregung belebt war, an sich selbst nicht leicht zu verstehen ist, und weil die Lebensgeschichte Shakspere's in ein so tiefes Dunkel gehüllt ist, daß troß der eifrigsten Forschungen noch immer unlösbare Räthsel und störende Lücken stehen bleiben. Es war deshalb um so beklagenswerther, daß die Gelehrten des vorigen Jahrhunderts von dem Wahne beherrscht wurden, als dürften sie von der Höhe ihrer Zeit auf das alte fröhliche England des sechszehnten Jahrhunderts, wie auf eine halbe Barbarei mit hochmüthigem Mitleid herabsehn. Diese Stimmung trug sich von selbst auf den gefeierten Dichter über, da man, bei der stets wiederholten Bemerkung, daß man eben so hervorragende Vorzüge und Schönheiten an ihm zu bewundern, als verlegende Mängel und Fehler zu beklagen habe, den grö

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