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wunderbare und verwickelte Geschichte dieser großen Dichtung bis zu ihrer letzten Entwickelung zu betrachten liebe. Ob dieser Standpunkt Ihnen vollständig gerechtfertigt erscheint, habe ich Ihrem Urtheil zu überlassen. Haben wir uns nun lange genug an der Wiege unseres großen Freundes, ich meine die Tragödie Hamlet, aufgehalten, so liegt es jetzt auf unserem Wege, die Schicksale zu betrachten, welchen sie in der Welt und auf der Bühne unterworfen gewesen ist.

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erster Hamletspieler. — Verhältnisse der Schauspieler und Theaterzustände zu Shakspere's Zeiten. - Burbadge als ausgezeichneter Schauspieler. Shakspere und Burbadge als Freunde.

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Verehrter Freund!

Die Geschichte der Tragödie Hamlet in der Welt und auf der Bühne soll, wie ich am Schlusse meines leßten Schreibens aussprach, der Gegenstand unserer heutigen Besprechung sein. Ich hätte besser gethan, wenn ich gesagt hätte, wie diese große Dichtung in England und Deutschland gelebt hat, soll von mir geschildert werden, so weit meine schwachen Kenntnisse in dieser Hinsicht reichen. Denn wiewohl Hamlet in das Französische, Italienische, Holländische und Polnische übersezt ist, werden Sie nicht erwarten, daß ich Sie in die Regionen dieser Sprachen und Literatur führe. Auch werden selbst auf englischem und deutschem Boden noch manche Fragen von mir nicht beantwortet werden können. Vielleicht ist es nicht einmal gerathen, auf jedes Detail einzugehen. Vielmehr wird es darauf am Meisten ankommen, das hervorzuheben, wodurch

unsere Anschauung dieses Gedichtes in seiner Wirkung auf den menschlichen Geist am Meisten aufgeklärt wird.

Es kann kaum des Nachweises bedürfen, daß von einer allgemeinen Beliebtheit, ja vielleicht von einer allgemeinen Bekanntschaft Hamlets nicht wohl die Rede sein könne, ehe diese Tragödie in ihrer lehten Bearbeitung auf die Bühne gekommen war. Von der Unsicherheit des Nachweises aus Nash's Epistel habe ich schon gesprochen. Es würde daher nur von der Henslowe'schen Anmerkung in seinem Tagebuche 1594 und von der aus dem Jahre 1596 herrührenden Anspielung von Lodge auf einen damals bekannten Hamlet die Rede sein können, wenn es unbedingt nothwendig wäre, die Beliebtheit der ersten Bearbeitung nachzuweisen. Wir können aber davon völlig absehen. Nur das Eine sei noch als Ergänzung einer Bemerkung in einem früheren Schreiben hinzugefügt, daß nach der genauen Betrachtung der ersten Bearbeitung und ihrer Vergleichung mit dem späteren Terte das Stillschweigen von Fr. Meres über diese Tragödie als ein weit geringfügigerer Grund gegen die Aechtheit des alten Hamlet erscheinen muß. Man könnte schon im Allgemeinen die Frage stellen, ob diesem Kenner damaliger Literatur jedes Stück, das Shakspere bis 1598 geschrieben hatte, bekannt gewesen. sein müsse. Noch einschlagender für unseren Zweck ist aber der Umstand, daß alle Anführungen von Fr. Meres das Ziel haben, ein weitausgreifendes Lob von Shakspere zu unterstüßen. Es ist deshalb nicht unmöglich, daß er den damals existirenden Hamlet, wiewohl er ihn als eine Arbeit Shakspere's kannte, absichtlich nicht genannt hat, weil er ihm zu seinem Zwecke nicht vorzüglich genug erschien. Wie dem aber auch sei, Sie werden aus meinem vorhergehenden Schreiben zur Genüge abgenommen haben, daß meine Ueberzeugung von Shakspere's unläugbarem Rechte an dieser alten Skizze zu fest steht, als daß sie durch diesen schwachen Grund erschüttert werden könnte.

Nach dem Jahre 1600 oder 1601 befinden wir uns dagegen auf einem festeren Boden, um von der großen Wirkung zu

reden, welche die Tragödie Hamlet gehabt haben müsse. Nür dürfen wir, wie ich glaube, nicht annehmen, daß diese mit der schlagenden Schnelligkeit eines Blizstrahles eingetreten sei. Mindestens scheint das, was N. Drake*) nach dem Vorgange von Douce für die schon im Jahre 1604 allgemeine Beliebtheit von Hamlet anführt, nicht ganz zutreffend zu sein. Da jener nur ein unvollständiges Citat giebt, führe ich Sie sofort auf seine Quelle zurück. In Douce's illustrations Vol. II. p. 265 lesen wir aus der humoristischen Vorrede des Dichters Anthony Scolocker zu seinem im Jahre 1604 herausgegebenen Diaphantus or the passions of love, comicall to reade, but tragicall to act folgende Worte:

Diese Epistel soll sein gleichwie die niemals genug ge= Lesene Arkadia 2c. oder um zu gemeineren Elementen zurückzukehren, wie des lieben Shakspere's Tragödien, wo der Comödiant zu Pferde sist, während der Tragiker auf den Zehen steht: in der That, sie möge Allen so gefallen, wie Prinz Hamlet, nur wäre dann zu fürchten, daß er vor Traurigkeit toll werde; nein wahrhaftig, ich will nicht wahnsinnig werden, um zu gefallen, noch den Verstand verlieren, wenn ich auch Allen mißfallen sollte.

So weit es erlaubt ist, nach diesem Bruchstück, das ich leider im Original nicht genauer verfolgen kann, ein Urtheil zu fällen, so muß ich dafür halten, daß aus demselben mehr auf eine zweifelhafte Albeliebtheit des angezogenen Stückes zu schließen ist, als daß man den ungetheilten Beifall desselben daraus nachweisen könnte. Wenn man Anspielungen auf Hamlet und Nachahmungen einzelner Schilderungen aus demselben in späteren Stücken genau betrachtet, so kann man sogar zu der Meinung kommen, unter den Zeitgenossen und Nachfolgern Shakspere's haben viele dieses Poem nicht mit Beifall angesehen. Ob die Nachahmung von Ophelias Wahnsinn in Websters Vittoria Corrombona von dieser Seite aufzufaffen sei, will

*) N. Dr. Sh. and his time Vol. II. 398.

ich nicht entscheiden. Eine ähnliche Nachbildung in der Schließerstochter aus dem späteren Stücke The two noble kingsmen - an dem man sonderbarer Weise Shakspere einigen Antheil zugeschrieben hat scheint allerdings die Absicht einer berichtigenden Kritik zu haben.

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Jeden Falls beweist die schnelle Folge von Einzelabdrücken mehr für die Begierde des Publicums, das Stück kennen zu lernen. Wir haben, wie Sie sich erinnern werden, schon früher die Ankündigung von 1602 als einen solchen Beweis betrachtet. Noch auffallender ist es, daß in den Jahren 1604 und 1605 zwei Abdrucke bei denselben Herausgebern schnell auf einander folgten. In den Jahren 1609 und 1611 erschienen bei John Smethwicke zwei neue Auflagen. Auch nach der ersten und zweiten Folio-Ausgabe veröffentlichte J. Smethwicke im Jahre 1637 und zu einer ungenannten Zeit zwei neue Quartabdrücke, denen in den Jahren 1683, 1695 und 1703 drei fernere Abdrücke folgten, so daß wir, meines Wissens, von keinem anderen Stücke Shakspere's so viel Einzelausgaben aus der Zeit der ersten Entstehung bis zu der Periode besißen, wo nach dem Vorgange Rowes die Reihe der neueren und kritischen Shakspereausgaben beginnt.

Doch Sie werden fragen wie unsere Tragödie auf der Bühne lebte? Die alte Sage, daß Shakspere selbst die Rolle des Geistes gespielt habe, ist schon erwähnt worden. Wenn sie gegründet ist, beweist sie wenigstens, daß der Dichter großen Werth auf die Darstellung derselben legte. Wir werden später denselben Tact bei einem unserer größten Bühnenkünstler wiederfinden. Auch scheint es, daß Goethe dasselbe Gefühl gehabt habe, wie man aus der betreffenden Stelle im Wilhelm Meister schließen darf. Doch wichtiger und anziehender ist die Frage, wer die Rolle Hamlets ausgefüllt habe.

Bis zu P. Colliers entscheidendem Ausspruche hierüber war nach der allgemeinen Meinung Joseph Taylor der erste Hamlet; ein Schauspieler, der nebst vielen Anderen in der von Hemminge und Condell besorgten Folio-Ausgabe als Mit

glied der Shakspere'schen Gesellschaft aufgeführt wird. In der Dodsley's old plays vorgedruckten historia histrionica spricht Wright allerdings aus, daß dieser Schauspieler mit großem Beifall im Hamlet aufgetreten sei. Doch folgt aus den dort befindlichen Worten nicht, wie Malone und Andere geglaubt haben, daß vor ihm diese Rolle nicht in anderen Händen gewesen sei. Beiläufig will ich nur bemerken, daß wahrscheinlich aus dieser allgemein verbreiteten Annahme die von Tieck in seinen Bemerkungen zum Hamlet ausgesprochene Vermuthung entstand, als habe man sich unter dem in der Tragödie auftretenden ersten Schauspieler den bekannten Burbadge zu denken und als sei dadurch die Wirkung der Szene zwischen dem Prinzen und den Schauspielern um so mehr erhöht worden.

P. Collier weist dagegen in seinen Memoirs of the principal actors in the plays of Sh. aus einer bis dahin unbekannten Grabschrift nach, daß Rich. Burbadge der erste Hamletspieler gewesen sei*). Man wird diese Widerlegung einer von den vielen unzuverlässigen Traditionen, die aus der Zeit der Restauration über Shakspere und seine Zeit zu uns her= übergekommen und mit allzugeringer Kritik für begründet gehalten worden sind, um so weniger abweisen können, als es dokumentarisch feststeht, daß Joseph Taylor erst im Jahre 1585 geboren ist. Denn da die erste Aufführung des Hamlet in die Jahre 1600 oder 1601 fällt, so müßte er, wenn jene Sage gegründet wäre, diese schwere Rolle mit funfzehn oder sechzehn Jahren übernommen haben. Ob mit Colliers Nachweis zugleich die Thatsache festgestellt ist, daß Burbadge diese Rolle zuerst im Jahre 1600 oder 1601 gespielt habe, steht dahin. Denn er soll im Jahre 1567 geboren sein und schon um 1588 in R. Tarltons,,sieben Todsünden“, dann im Gorboduck und später in Kid's spanischer Tragödie als Jeronimo aufgetreten sein. Es bleibt daher ungewiß, ob er dieselbe Rolle schon in dem alten Stücke gehabt habe. Immerhin

*) Public. of the Sh. Soc.

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