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IX.

Mittheilungen aus Algerien.

Von Dr. L. Buvry.

Die östliche Sahara der Regentschaft Algerien.

Vorwort.

Wie überhaupt in manchen, Europa fern liegenden Gegenden die Natur ihre schönsten und mannichfaltigsten Gaben über einen verhältnifsmässig nur engen Raum ausgestreut und in diesem ihren unerschöpflichen Reichthum zusammengedrängt hat, so bieten auch die Atlasländer und insbesondere Algerien in seinen hohen, von nackten Kalksteinfelsen eingeschlossenen reizenden Thälern, sowie in den jenseits des südlichen Höhenzuges liegenden Oasen solche anmuthige, an Naturschönheiten wunderbar reich ausgestattete Plätze in Menge. Vorzugsweise sind es die Oasen, welche in den südlichen Gegenden den Reisenden mit dem Zauber ihrer Anmuth überraschen und fesseln und dem Spiele seiner Phantasie überreiche Nahrung gewähren. Die aufserordentliche Ueppigkeit der Vegetation, namentlich das massenhafte Auftreten der auf dem Littorale seltenen Palme, deren lichtgrüne Kronen sich zu einem dichten Dache über dem Wanderer wölben, versenken sein Herz, wenn er diese Gegenden zum ersten Male betritt, in ein geheimnissvolles, andächtiges Staunen; denn hier tritt ihm die Majestät und Allmacht des Schöpfers unmittelbar entgegen und ergreift sein ganzes Wesen um so mehr, als er sich wie durch ein Wunder aus der grenzenlos weiten, einförmigen Ebene der Wüste plötzlich und ohne jeden stufenweisen Uebergang mitten in dieses Paradies versetzt sieht. Zwar das lehrt ihn der Augenschein, dass die Ursache der überraschenden Erscheinung in der reicheren Bewässerung dieser bevorzugten Stellen liegt; aber unwillkürlich fragt er sich: Wie ist es möglich, dafs so bedeutende Süfswassermassen an einzelnen Punkten der Sahara sich ansammeln konnten? Trotz der mühsamsten und unermüdlichsten Forschungen, trotz alles aufgebotenen Scharfsinnes hat man es doch nicht weiter gebracht als zu hypothetischen Erklärungen dieser Erscheinung, ja man vermochte nicht einmal den Ursprung des Wortes „Oase“ zu ermitteln, wie man eben so wenig eine etymologische Ableitung des Namens „Sahara" zu finden im Stande gewesen ist. Das Gleiche lässt sich von den „Ziban" (die Mehrheit von „Zab“) sagen, einem Stamme, bei welchem sowohl die Bedeutung des Namens, als auch sein Ver

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wandtschaftsverhältnifs zu den Mzab bis heute unaufgeklärt geblieben ist. Die kühnsten Versuche und Combinationen sind hier gewagt worden, keine derselben hat jedoch zum Ziele oder auch nur annähernd zur Gewissheit geführt.

Die Cultur dringt in Nord-Afrika, gleichsam dem Laufe der allbelebenden Sonne folgend, von Osten nach Westen vor, wo bisher noch die Unduldsamkeit ihren Siegeslauf zu hemmen vermochte. Aber auch dort wird der Tag anbrechen, an welchem die europäische Civilisation ihren Einzug in die Thäler des eigentlichen Atlas halten wird. Sind es doch schon die unzweideutigsten Anzeichen des heraufdämmernden neuen Tages, dafs während unseres letzten Besuches der östlichen Sahara ein Abgesandter der Tuareg dem Herrn General Desvaux, unserem Führer, im Namen seines gefürchteten Stammes Beweise seiner Verehrung und Anhänglichkeit gab, und derselbe in Folge der ihm zu Theil gewordenen wohlwollenden Aufnahme ein Paar Monate später die Absendung einer Deputation dieser Völkerschaft bis nach Algier veranlasste, welche dem Herrn General-Gouverneur ihre Huldigungen darbrachte. Sie verpflichtete sich aus freiem Antriebe und als Beweis ihrer aufrichtigen Gesinnung für die französische Nation, einen Abgesandten derselben in ihre Heimath zu geleiten, und verbürgte sich für die ungehinderte Rückkehr desselben. Welch eine lockende Gelegenheit für einen wissenschaftlichen Reisenden, unter den Auspicien eines sicheren Geleites und der Gastfreundschaft dieses im Innern Afrika's so verbreiteten Volkes Gegenden zu erforschen, welche noch nicht von Anderen besucht wurden!

Doch wenden wir uns von diesen sanguinischen Hoffnungen wieder dem Gegenstande unserer Besprechung, der östlichen Sahara, zu, über deren eigentliche Lage, Ausdehnung, Eintheilung und merkwürdige Oberflächenbeschaffenheit nähere Nachrichten und Aufschlüsse zu erhalten, erst nach der französischen Besetzung im Jahre 1844 möglich wurde. War man doch im Allgemeinen in früheren Jahren nur zu sehr geneigt, die abenteuerlichsten Gerüchte über dieses Land und seine Bewohner aufzunehmen und zu verbreiten, und unwillkührlich verband man mit dem Namen Sahara die Vorstellung einer schreck. lichen Wüstenei. In welch einem anderen Gewande stellen sich diese Gegenden dem Auge des Forschers dar, seitdem die französische Regierung die Morgenröthe einer neuen Zeit über ihnen aufgehen hiess und den Besuch derselben gestattete. Statt der schrecklichen Wüste sehen wir ein Steppenland, welches sich unter dem Einflusse des im Winter fallenden Regens und des Thaues der Nächte mit einem mannichfaltigen Pflanzenteppiche bekleidet, ferner dicht bei einander liegende Culturstellen oder Oasen, über die nur eine Strafse gelegt zu werden

braucht, um die Reise durch dieselben zu einem mühelosen, lohnenden und überraschenden Ausfluge zu machen, und endlich statt der nie vergessenen raublustigen Wegelagerer eine aus Hirten und fleifsigen Gärtnern zusammengesetzte Bevölkerung. So aber lässt sich in der That der Charakter dieses für die Wissenschaft neu erschlossenen Landes in wenigen Strichen zeichnen. Freilich gelangte man zu der Einsicht der hier herrschenden Zustände nicht auf friedlichem Wege. Gleichwie in dem nördlichen Algerien die Araber und Kabylen für ihre Selbstständigkeit und ihren Glauben todesmuthig in den Kampf zogen, so setzten auch hier die an Freiheit und Unabhängigkeit gewöhnten Wüstensöhne den fränkischen Eroberern den hartnäckigsten Widerstand entgegen. Aber auch sie vermochten nur auf kurze Zeit den sieggekrönten Adler in seinem Fluge aufzuhalten; über die blutgetränkten Schlachtfelder von Zaatscha und Megarin hinwegrauschend liefs er sich auf die Moschee von Tuggurt nieder, der Welt weithin verkündend, dafs diese Landschaften fortan dem Einflusse der europäischen Civilisation eröffnet sein sollten.

Seit jener denkwürdigen Epoche ruht der ungleiche Kampf und die Bewohner, die sich in das Unvermeidliche fügten, nehmen nun an den Wohlthaten der europäischen Bildung Theil. Sie geniessen jetzt die Segnungen des Friedens und der Cultur; während in früherer Zeit die Fabrikate europäischen Gewerbfleifses nur mit Mühe und gegen verhältnifsmässig hohe Preise bis zu ihnen gelangen konnten, werden sie ihnen jetzt bei Weitem billiger und in geordneter Weise zugeführt, und im Austausch gegen dieselben wandern die Erzeugnisse des einheimischen Fleisses nach Frankreich und werden in Paris bewundert und nachgeahmt. Während früher ganze Länderstrecken wegen ihres Wassermangels unbenutzt liegen bleiben mussten, vermochte die Wissenschaft in neuester Zeit die unterirdisch fliefsenden Wasseradern zu erkennen, und die Fürsorge der Regierung hob, zur allgemeinen Verwunderung der ungläubigen Massen, in kurzer Zeit den belebenden Strahl an die Oberfläche der Erde. Hier schafft die Thatkraft und Einsicht des Menschen neue Oasen, fesselt die unstäte Bevölkerung an neue Wohnplätze und diese ersten Versuche wissenschaftlich prüfend und weiter verfolgend fafst sie den grofsartigen Plan, mit Hülfe des unterirdischen Meeres das ganze Land des Uëd Rir und der nördlich angrenzenden Steppen in Eine grofse Oase oder in anbaufähiges Land zu verwandeln. Während in früheren Jahren der Reisende in diesem Lande nur zu Pferde oder auf Maulthieren in mühevollen Tagereisen über die gebirgigen Pfade bis an den Ort seiner Bestimmung gelangte, legt er schon jetzt in einem Postwagen die Strecke von Philippeville bis Batna in 24 Stunden zurück. Mithin wird die ganze Fahrt bis

Biskra, wenn die Landstrafse bis zu diesem Orte beendet sein wird, 36 Stunden nicht übersteigen. Im Vergleiche zu den früheren Communicationsmitteln dünkt uns schon jetzt diese Schnelligkeit aufserordentlich. Welche ungeheuren Veränderungen werden die Sitten der Eingeborenen aber erfahren und wie ganz anders werden die Verhältnisse dieses Landes sich gestalten, wenn die dahinbrausende Locomotive die heifse Sahara dem Mittelmeere auf 10 Stunden nahe rückt!

Wir gehören noch zu den Reisenden, welche dieses Land kennen lernten, ehe die europäische Civilisation sowie die industrielle Thätigkeit in dasselbe eindrang, und die hier waltende, bis dahin ungestörte Stille der Natur unterbrach. Mögen daher unsere Beobachtungen einen kleinen, aber nicht unwichtigen Beitrag zu der Kenntnifs dieser Gegenden und etwas Material zu dem stolzen Gebäude liefern, welches Reisende aller Nationen seit Jahren unausgesetzt aufzuführen sich bestreben und dessen Schlufsstein einst die Inschrift tragen wird: „Die richtige Kenntnifs Nord-Afrika's."

Oberflächenbeschaffenheit, Lage und Grenzen.

Das Aures-Gebirge bildet die Grenze des nördlichen Theiles der Provinz Constantine und die der östlichen Sahara oder des südlichen Theiles, sowie die natürliche Wasserscheide der nördlich und südlich abfliefsenden Gewässer. Durch seine Richtung, Lage und Höhe übt es einen entschiedenen Einfluss auf die Temperaturverhältnisse dieser beiden Regionen aus und bedingt, wenn auch indirect, die der östlichen Sahara eigenthümliche Formation der Erdoberfläche, sowie den merkwürdigen Unterschied in den Naturproducten, und nimmt endlich einen wesentlichen Antheil an der Bildung der unterirdischen Wasseransammlungen. Die merkwürdigen Abweichungen in dem Gesammtcharakter dieser Gegend im Vergleich zu dem Littorale sind so fühlbar und in die Augen springend, dafs es eine schwere Aufgabe ist, dieselben durch den geringen Unterschied eines einzigen Breitengrades, innerhalb dessen sie auftreten, zu erklären. Am fühlbarsten macht sich die Verschiedenheit der beiden Zonen in der physischen Beschaffenheit der Erdoberfläche geltend. Während die Nordhälfte der Provinz Constantine im Allgemeinen mit dem Küstengürtel schroff und steil aus dem Meere sich emporhebt und nach Süden ansteigend füglich den Namen eines Hochlandes verdient, gewährt die Südhälfte den Anblick eines Tieflandes mit allen den eigenthümlichen Eigenschaften der Einförmigkeit, des Salzreichthums und der unabsehbaren, nur hier und da von niederen vereinzelten Bergzügen unterbrochenen Ebene, welche diese Landstrecken Nord-Afrika's überhaupt darbieten.

Besonders der nördliche Rand der Sahara wird von einer Menge Zeitschr.f, allg. Erdk. Neue Folge. Bd. IV. 13

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isolirt aus der Erde aufsteigender Berge oder Felsen bedeckt. Man nennt dieselben wegen der eigenthümlich abgeplatteten Form ihrer Gipfel Tafelberge", während sie von den Arabern mit dem Namen „el meida“, der Tisch, belegt werden. So eigenthümlich die Form derselben dem Europäer sich darstellt, eben so bemerkenswerth erscheint ihm ihr Gewand, denn alle ohne Ausnahme sind in die Farbe der Wüste gekleidet und nur stellenweise, besonders auf den Abhängen, erhalten sie durch dichte Gerölle farbiger Kiesel eine etwas dunklere Schattirung. Dergleichen Tafelberge, die aber selten mehr als 200 bis 300 Fufs über die Erdoberfläche ansteigen, schliefsen in grofser Anzahl das flache Land von Biskra ein; unter ihnen sind die Djebel Bu Ghezal, Malraf, Branis, Zemmari, deren Schichten in einem Winkel von 78° 45° gegen Süden fallen, die bemerkenswerthesten. Dieselben Verhältnisse bieten der Westen und Osten. Je mehr man sich zu beiden Seiten von dem Uëd Biskra entfernt, desto mehr schwindet die von diesem Flusse angeschwemmte Alluvialdecke und macht der Steppe Platz. So führt z. B. der Weg von Biskra nach dem Zab Dahari schon über ausschliesslich sandigen Boden und ist stellenweise sogar durch niedere, von Südwest nach Nordost sich hinziehende Sanddünen unterbrochen, welche aus losem Kalksandstein, Mergel oder gypshaltigem Thon bestehen. Dieses öde und nackte Gebirgsvorwerk, welches bei einer geringen Breite den ganzen nördlichen Rand der östlichen Sahara bedeckt, gleicht aus der Höhe betrachtet mit seinen unabsehbaren, ziemlich gleichförmigen Abfällen und den mit Kalksteinen angefüllten Gründen in seinem Wüstencolorit dem vom Sturme bewegten Meere. Dieser Eindruck wird dadurch noch mehr gehoben, dass die eben erwähnte Formation dieser Berge nur eine äusserst spärliche, höchstens in den Wintermonaten wahrnehmbare Vegetation zulässt. Hat man diese Region verlassen, indem man den Flüssen folgt, welche sie durchschneiden, so gelangt man überall in eine weite, mit Gräsern und Pflanzen bedeckte Ebene, von der die Oasen mit ihrer reichen Palmenvegetation in lichtgrünen Umrissen an dem klaren Horizonte sich abzeichnen. Wo aber das Auge eine Lücke zwischen denselben erspäht, da schweift es weit über das niedere Land bis dahin, wo der Himmel scheinbar mit der Erde sich vereinigt. Ein Blick auf die Karte genügt, die Lage des nördlichen Oasen -Complexes anschaulich zu machen, und den Messungen des Herrn Ingenieur Dubocq verdanken wir die Angabe über die absolute Höhe einzelner Punkte desselben.

Wie bereits erwähnt, erreicht der Djebel Aures in seinem hervorragendsten Gipfel, dem Djebel Scheliah, welcher dem nördlichen Theile des Gebirges angehört, eine absolute Höhe von 2312 Meter. Während in dem nördlichen Theile der Provinz Constantine das Land allmählich

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