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106 F. W. Schubert: Die Baumwolle im Weltverkehr und in der Industrie.

Stadt mit Einschlufs von Salford bildet den Hauptsitz der BaumwollenIndustrie in der Grafschaft Lancaster. Ihre nächsten Umgebungen in derselben, die Städte Bolton, Blackburne, Oldham, Rochdale und Preston waren vor dem Jahre 1770 Ortschaften mit 3000 bis 6000 Einwohnern gegenwärtig (1851) zählt Bolton 97,519 Einw., Blackburne 75,091 E., Oldham 72,357 E., Rochdale 60,577 E., Preston 69,542 E. Die ganze Grafschaft Lancaster hatte im Jahre 1801 eine Bevölkerung von 673,486 Einw., im Jahre 1851 2,031,236 Einw., d. i. 23,350 Seelen auf 1 geogr. Quadrat - Meile bei 82,75 Quadrat-Meilen Flächeninhalt der Grafschaft. Der Haupthafen für Baumwolle ist Liverpool, die zweite britische Handelsstadt; sie gehört derselben Grafschaft Lancaster an, zählte im Jahre 1771: 54,090 Einw., 1801: 82,295 Einw., jetzt (1851) nach 80 Jahren siebenmal mehr: 375,955 Einw. In Liverpool werden gegenwärtig regelmässig der englischen Einfuhr an Baumwolle ausgeladen, wovon den nordamerikanischen Freistaaten angehören und für die Spinnereien in Lancashire, Chester und Yorkshire (West-Riding) bestimmt sind. Nach einem dem Parlamente im Jahre 1845 vorgelegten Berichte waren in den nächsten Umgebungen von Manchester (also Lancashire mit Einschlufs von Stockport) gegen 1,500,000 Menschen concentrirt, welche alle unmittelbar oder mittelbar von den dortigen Baumwolle-Fabriken ihren Unterhalt bezogen. Nächstdem ist Yorkshire im West-Riding vorzugsweise ein Hauptsitz der Baumwollen - Industrie: seine Bevölkerung ist von 572,168 Einw. im J. 1801 bis auf 1,325,495 Einw. im J. 1851 gestiegen. Die Stadt Leeds ist von 20,000 Einw. im J. 1771 um das Achtfache gestiegen bis auf 172,270 Einw.; der Ort Bradford mit 3000 Einw. im J. 1771 zählte 1851 103,778 Einw.; ebenso sind die damals gleichfalls bedeutungslosen Städte Halifax und Huddersfield um das Dreifsigfache in ihrer Bevölkerung gewachsen, 1851 auf resp. 109,175 E. und auf 107,140 E. Dazu gehört noch die Nachbarstadt von Manchester, Stockport in der Grafschaft Chester, deren Einwohnerzahl von 4000 S. auf 53,835 S. im J. 1851 gewachsen ist.

In Schottland zeichnet sich in dieser Industrie nur vorzugsweise die Grafschaft Lanark aus: Glasgow ist ihr Hauptsitz, 1755 mit 23,546 Einwohnern, 1801 mit 77,058 Einw., jetzt (1851) mit der fünfzehnfachen Bevölkerung von 329,097 Einw. Paisley und Aberdeen stehen nächstdem durch bedeutende Baumwoll-Fabriken in gutem Rufe und verdanken denselben eine Verdreifachung ihrer Bevölkerung im Laufe dieses Jahrhunderts, Aberdeen 1851 mit 71,973 Einwohnern und Paisley mit 47,952 Einwohnern.

V.

Mittheilungen aus Algerien.

Von Dr. L. Buvry.

107

Aufbruch und Abreise nach den südlichen Gegenden der Provinz Constantine. Die Stadt Batna; die Strafcolonie Lambèse.

Bei meiner zweiten Reise durch Algerien hatte ich vor Allem darauf Bedacht zu nehmen, mir den Weg über die von den französischen Behörden gesteckten Reisegrenzen hinaus zu eröffnen, welche sich durch die Provinz Oran über Sebdu, Daja, Saida und Tiaret, durch Algier über Boghar und durch die Provinz Constantine über Biskra, quer durch das ganze Land hinziehen. Nur so weit nämlich kann das Gouvernement für die Sicherheit der Reisenden die Verantwortlichkeit übernehmen. Wer über diese Linien hinaus zu weiteren Forschungen seine Reise nach den südlichen Oasen ausdehnen will, mufs sich die Vergünstigung zu erwirken suchen, dafs ihm eine Bedeckung mitgegeben wird. In der Regel besteht eine solche aus einigen Reitern des Bureau arabe oder aus dem Gum des in der Gegend commandirenden Kaid. Die Unsicherheit der Wege, die grofse Entfernung der französischen Posten von einander und die sittliche Rohheit der nicht unterworfenen benachbarten räuberischen Araberstämme machen eine solche Vorsichtsmafsregel in den südlichen Gegenden Algeriens durchaus nothwendig. Das Glück begünstigte hierin meine Bemühungen und mir wurde eine solche Bedeckung zu Theil.

Als ich mich nämlich Mitte October 1855 in der Salzseezone und namentlich am Fußse des Djebel Nifensser aufhielt, hörte ich, dass eine militärische Expedition in die Oasen des Uëd Ssuf und Uëd Rir vorbereitet würde. Diese günstige Gelegenheit wollte ich benutzen, indem ich mich der Colonne anzuschliefsen gedachte. Freilich waren zunächst noch viele Schwierigkeiten zu überwinden, namentlich die Frage zu lösen, wie ich die Kosten für das Zelt, die Transportpferde, die Bedienung u. s. w. aus eigenen Mitteln aufzubringen im Stande sein würde. Da erschien mir plötzlich, wie von meinem Glücksstern gesandt, ein Helfer in der Noth, der die Subdivision Batna commandirende BrigadeGeneral Desvaux, welcher eben von Constantine eingetroffen war. Ich habe schon an anderer Stelle der grofsen Verdienste gedacht, welche sich dieser ausgezeichnete Offizier nicht nur durch seine militärischen Talente und seine Tapferkeit, sondern auch durch seine bürgerlichen

und gesellschaftlichen Tugenden erworben hat. Man denke sich meine Freude, als ich, in tiefe Sorgen um mein weiteres Fortkommen versunken, vor der Karawanserai von Tessememma stand und plötzlich den verehrten General vor mir erblickte. Er war bereits durch das kaiserl. französische Kriegsministerium mit dem Zwecke meiner Reise bekannt gemacht und erklärte sich mit der gröfsten Zuvorkommenheit bereit, meinen Wünschen zu entsprechen. Er rieth mir, mich in Batna ihm vorzustellen, um mir die nöthigen Anweisungen und Rathschläge wegen des Anschlusses an die Expedition einzuholen.

Es begann nun für mich ein ganz neues, reges Leben. Wenn früher die Einsamkeit der Karawanserai mir zusagte und meinen Beschäftigungen entsprach: so fand ich jetzt an den stets sich mehrenden Zuzügen der Soldaten ein besonderes Vergnügen, und wenn deren Toben und Geschrei das Haus fast erzittern machte, hatte dieses nun nichts Unangenehmes mehr für mich. Zogen dieselben dann die Strafse nach Batna weiter, so begleitete ich sie in Gedanken und tröstete mich mit der frohen Hoffnung, dass ich ihnen auch bald würde nachfolgen können. Endlich, nachdem ich meine in der Salzseezone gesammelten naturhistorischen Schätze gehörig verpackt, führte ein Wagen des Trains dieselben nach Batna. Ich selbst verabschiedete mich am 3. Novbr. von meinen Wirthsleuten, als kaum die Sonne mit ihren ersten Strahlen die höchsten Grate des Djebel Nifensser vergoldete, jenes Berges, der, einem weiten Halbmonde gleich, von Norden nach Südwesten meist in schroffen, steilen, oder auch terrassenförmigen Gehängen bis zum Sebgha Tinsilt sich erstreckt, und folgte dem mit meinen Sammlungen vorangehenden Wagen zu Fufs.

Auf dem ganzen Wege von Constantine nach Batna sind es besonders die Djebel Gueriun und Nifensser, welche durch ihre grotesken Formen am meisten die Phantasie des Reisenden beschäftigen; was Wunder also, wenn der poesiereichere Araber die eigenthümliche Gestalt und Lage dieser beiden, steil aus der Ebene aufsteigenden und von einander getrennten Gebirgscolosse durch eine Sage mit einander in Verbindung gebracht hat! Die Höhe des Djebel Nifensser ist bis jetzt noch nicht bestimmt worden, jedenfalls wird dieselbe von der des Djebel Gueriun übertroffen. Ich brauchte zur Besteigung des erstern eine Stunde. Auf seinem höchsten Gipfel befindet sich eine Quelle, welche von einem alten, umfangreichen Feigenbaume beschattet wird. Von hier aus geniefst man eine malerische Fernsicht über die Salzseen Tinsilt und Mezuri hinweg bis zum Sebgha Djendelli. Der Horizont wird erst durch die Djebel Bu Ariff und Fedjuj begrenzt. Das Gestein des Nifensser hat eine gelbbraune, im hellen Sonnenlichte in's Violettrothe schattirende, Farbe und besteht zum gröfsten Theile aus

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dichtem Kalkstein, an dessen Oberfläche sich vielfach Kalktuff zeigt. Mein Interesse wurde bei dieser Besteigung um so mehr in Anspruch genommen, weil sie mir Gelegenheit gab, das Verzeichnifs der Fauna Algeriens mit einer Vogelart zu bereichern und eine hierauf bezügliche neue Beobachtung zu machen.

Der Araber nennt den gemeinen Raben (Corvus corax), der nebenher gesagt, nicht zu den Lieblingen desselben gehört, „Graab“. Auf einer Jagdexcursion in dem Gebirge hatte mich ein mir befreundeter Araber gefragt, ob ich schon die beiden anderen in diesem Gebirge wohnenden Raben, den Graab el Franzes, den Raben der Franzosen, und den Graab el Sah'ra, den Raben der Wüste, gesehen hätte. Der erstere sei nur klein, der letztere jedoch gröfser als der gewöhnliche Graab, beide aber hätten rothe Schnäbel und rothe Füsse. Diese Nachricht nahm meine Aufmerksamkeit ungemein in Anspruch, allein obwohl ich mir alle erdenkliche Mühe gab, konnte ich diese wunderbaren Vögel nicht entdecken. Ein Zufall kam mir zu Hülfe. An dem Tage der Besteigung des Djebel (15. October) hatte ich vor Sonnenaufgang die Karawanserai verlassen und traf kurz vor 6 Uhr bei der Quelle ein, welche dem Fusse des Gebirges entspringt. Um die Ankunft der Ruticilla Mussieri abzuwarten, legte ich mich in einem der verfallenen Häuschen, die ein Detachement Soldaten in früherer Zeit während ihres Bivouacs hier errichtet hatte, in den Hinterhalt. Wenige Augenblicke nachher sah ich zu meinem Erstaunen bei der Quelle einen Flug schwarzer Gesellen ankommen, die ich sofort für Corvus graculus erkannte und die eben begannen, ihre rothen Schnäbel in das klare Wasser zu einem Morgentrunke zu tauchen. Der Schufs fiel! Doch die auf Steinschmätzer berechnete Ladung mochte zu schwach gewesen sein, kurz ich fehlte, und meine ornithologischen Schätze entflogen unter dohlenartigem Geschrei. Der Richtung ihres Fluges folgend begann ich die Ersteigung des Gipfels, und an dem schroffen Kegel angelangt, welcher den höchsten Gipfel bildet, sah ich plötzlich hoch über meinem Kopfe eine Schaar Raben, deren einige einen rothen Schnabel hatten, welcher im Sonnenlichte erglänzte. Nicht lange währte es, so kamen sie niedriger herab und fielen in die Aushöhlungen der steilen Felswand ein. Vorsichtig kletterte ich höher, und als endlich ein verkrüppelter Wachholderbaum mir in dem losen Gerölle einen Anhaltspunkt gewährte, feuerte ich auf das Gerathewohl. Die vermeintlichen Raben verliefsen erschreckt ihre Schlupfwinkel und flogen auf, bei dem zweiten Schufs fiel einer derselben getroffen zur Erde. Was kein Naturforscher für denkbar halten wird, fand dadurch eine Bestätigung. Der erlegte Rabe war Ibis comata, der hier mit Corvus graculus im Felsen nistet. Später traf ich noch einmal die beiden Vögel an. Das

Nähere über diese und manche andere Beobachtungen hoffe ich binnen Kurzem in einem Werkchen: „Beiträge zur Kenntnifs der Vögel Algeriens" (Verlag von E. Baldamus) zu veröffentlichen.

Die Landstrafse führte mich in einer halben Stunde an den Sebgha Tinsilt, im Norden, Westen und Süden von hohen Gebirgen eingeschlossen, die jedoch so weit zurücktreten, dafs auf allen Seiten noch Raum für die Ebene bleibt, welche von einem südwestlich an der Ain Tinsilt lagernden Stamme der Zmul mit Getreide bebaut wird. Die Ostseite des See's begrenzt ein niedriger Hügelzug, über welchen die Strafse nach Batna führt und der gleichzeitig die Scheidewand zwischen dem Sebgha Tinsilt und dem wohl doppelt so grofsen Mezuri bildet. Wie die Araber mir berichteten, ist in früheren Jahren der Fall schon vorgekommen, dafs durch anhaltende Regengüsse eine Vereinigung der . beiden Seen bewirkt wurde, so dass sie ein unübersehbares Bassin bildeten, welches sogar noch die niederen Felsstufen überfluthete. Im normalen Zustande beträgt ihre durchschnittliche Tiefe kaum 4 Fuss, die im Sommer dergestalt abnimmt, dafs die Araber die See'n an vielen Stellen durchwaten. Die Sebgha's oder Salzseen Algeriens haben alle ohne Ausnahme eine sehr monotone kalte Physiognomie, die hauptsächlich dadurch hervorgerufen wird, dafs die flachen Ufer nicht die den Landseen eigene Decoration von Binsen und Schilfpflanzen besitzen. Nur einige Landsalz- und Wassersalzpflanzen, vorzugsweise den Salsolaceen (Moquin) angehörig, bedecken die Ränder derselben. Doch bildet Arthrocnemum (Salicornia fruticosa) dunkelgrüne blattlose Gebüsche, deren schimmernde weifse Salzkruste mit den dunkeln Tinten ihrer Aeste seltsam contrastirt. Sie überragt die am weitesten aus dem See heraustretende Tamariske. Einige wenige Cyperus- und Grasarten treiben ihre kriechenden Wurzeln weithin durch den Boden, aus dem ihre gedrungenen und kurzen Halme nur um ein Weniges hervorstehen, und wechseln mit Mesembrianthemum oder Eisblumenarten, Pflanzen, die für den Nationalreichthum dadurch wichtig zu werden versprechen, dafs sie, zu Asche verbrannt, eine vorzügliche Soda liefern. Mitunter findet sich auch das stachlichte Pflänzchen Salsola Kali, welches auch bei uns auf salzigem Boden vielfach vorkommt. Das artenreiche Heer der Chenopodeen hat unter den Pflanzen dieser Gegend den Vorrang; ihnen zur Seite entfalten zierlichere Frankenien auf polsterähnlichen Büschchen ihre rosenrothen Blüthen und streckt eine Beta ihre Schöfslinge aus. Zuletzt wird das im Ganzen einförmig mattgrüne Colorit der Salzvegetation gehoben durch bald zerstreut erscheinende, bald gruppenförmig vereinigte, stets aber mit den zartesten und farbenprangendsten Blüthen geschmückte Staticen. Sie repräsentiren die wahrhafte Aristokratie der Steppenflora, die, ein treues Bild arabischer Poesie,

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