Imatges de pÓgina
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von Stoliczka; zwischendurch liegt nichts vor als chinesische Meldungen und chinesische Karten, die in der Gegend des Kuku-norGebietes allerdings durch die Schilderungen und Messungen des äusserst verdienstvollen, aber doch nicht speciell geologisch gebildeten Prshewalski bereichert werden; und wie weiss unser genialer Baumeister aus so dürftigem Material den Riesenpalast des nach ihm wahrscheinlich ältesten und geologisch selbständigsten aller Hochgebirge der Erde vor unsern Augen nachbildend hervorzuzaubern! Ja es ist damit nicht genug; sondern getreu dem Zuge seiner auf das Allgemeine und Grosse gerichteten Natur zieht er auch den Himâlaja oder vielmehr das ganze zwischen diesem und dem Kwenlun sich ausbreitende Höhenmassiv in den Kreis seiner Betrachtungen. Was er über diese colossale Erhebungsmasse und ihre Gebirgsgliederungen im 7. Kapitel vorträgt, erscheint in dieser Zusammenstellung zum ersten Male in deutscher Sprache (denn die v. Schlagintweit'schen Darlegungen über Hochasien", so werthvoll sie auch sind, reichen an Höhe und Weite des Blicks nicht heran), und es bewährt sich darin die divinatorische Kraft unsers Autors auf's glänzendste. So hatte er z. B. aus den Andeutungen chinesischer Karten sich einen aus der Gegend von Lassa in nordöstlicher, „sinischer Richtung streichenden mächtigen Wasserscheiderücken und Grenzwall zwischen den peripherischen südostasiatischen und den centralen Gebieten hypothetisch zurechtgelegt er nennt ihn das Tangla - Gebirge und identificirt damit den Tantla bei Huc und Gabet -, und noch vor Abschluss seiner Arbeit konnte er den Triumph feiern, seine Vermuthungen durch einen der Pandits des Obersten Montgomerie theilweise bestätigt zu sehen, s. S. 257.

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Noch bedeutender vielleicht als die beiden, das Gebirgsgerüst Central-Asiens so meisterhaft klarlegenden Kapitel sind die vier ihnen vorangehenden, das zweite bis fünfte, die ein gemeinsames Thema unter sich verbindet. Man könnte es bezeichnen: Lössund Steppen- Bildung. Den Reigen dieser monographischen und doch auch mit dem Ganzen innig verflochtenen Arbeit eröffnet in Kapitel 2 die Schilderung der Lösslandschaften im nördlichen China. Hier steht der Verfasser auf dem Boden eigener Erfahrung und Beobachtung, und hier entfaltet sich sein Talent, uns das, was er selbst zwar, aber nicht wir gesehen, gleichfalls wie mit leiblichen Augen schauen zu lassen, in vorzüglicher Weise, ein Talent, das mit seiner ausgezeichneten Lehrbegabung eng zusammenhängt. Diese zu erkennen und zu bewundern hatten die Mitglieder der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin in den zahlreichen Vorträgen, die Ferdinand von Richthofen als langjähriger Vorsitzender derselben hielt, zuerst vielfache Gelegenheit; sie bekundet sich nun auf's schönste in dem hier besprochenen Werke, das der Verfasser in angenehmer Erin

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nerung gemeinsamer Thätigkeit" den Mitgliedern der Gesellschaft selbst gewidmet hat. Diese wahrlich seltene Begabung wurzelt darin, dass unser Autor, redend oder schreibend, stets ein doppeltes Gefühl seiner Aufgabe in sich trägt. Einmal weiss er sich voll und ganz in seinem Gegenstande, den er von seinen Höhen bis zu seinen Tiefen durchdrungen, den er, sei es ein Object unmittelbarer ehemaliger Wahrnehmung, sei es ein Product gedanklicher Combinationen und literarischer Studien, gleichsam plastisch vor sich sieht und aus solcher innern Anschauung her dem Andern zu verdeutlichen sucht. Sodann aber, und dies ist der entscheidende Punkt, besitzt er stets lebendige Fühlung mit dem Hörenden, Lernenden, ein wunderbares instinctives Gefühl für die Bedürfnisse dessen, dem Fach- und Sachkenntniss zwar gebricht, nicht aber ein gewisses allgemeines Maass des Wissens und die Fähigkeit, gebildete Rede zu verstehen. So ist der Vortrag Ferdinand v. Richthofen's in Wort und Schrift stets schlicht, klar, populär im edelsten Wortsinne, nicht ohne Schwung, wo tiefere Gedankencombinationen sich zu Tage ringen, auch nicht ohne Schmuck der Rede in treffenden Bildern und Metaphern, aber vorwiegend maassvoll, einfach, sachlich, nur im Buche zuweilen beschwerend durch langathmigen Satzbau. Diese Eigenschaften unseres Schriftstellers sind es, die den von den Lössund Steppenbildungen handelnden Theil seines Werkes zu einem höchst genussreichen und belehrenden machen. Die ganze ungeheure Ausdehnung der Lössformation in Nordchina entdeckt zu haben, ist sein unbestreitbares Verdienst, das sich für immer an den Ruhm seines Namens knüpfen wird. In höchst lichtvoller Weise nun macht er dem Laien verständlich, was unter Löss zu verstehen ist und welche Landschaftsbilder sich in Nord-China daraus entwickeln, wobei vortreffliche Illustrationen seinen Vortrag erläutern; er geht ferner gründlich auf die Folgen ein, die sich für menschliche Existenzen aus den Eigenschaften des Löss und der Lösslandschaften ergeben, und erhebt sich so endlich zu der geologischen Specialfrage nach dem Ursprung dieses merkwürdigen Oberflächengebildes. Die Art nun, wie er diese löst, ist wieder ein Meisterstück der Lehrkunst. Der Laie begreift vollständig die Erklärung, die ihm hierüber gegeben wird. Eine andere Frage ist es, ob sie die richtige sei, denn sie ist eine durchaus neue, originelle, die alle bisherigen Theorieen der Geologen über diesen Punkt umwirft und einen nicht geringen Aufruhr unter denselben hervorgerufen hat. Ihr Begründer sucht sich im Voraus gegen alle möglichen Einwürfe zu decken, und aus diesem Grunde namentlich, zugleich aber auch im Hinblick auf die ausserordentliche Wichtigkeit dieser fruchtbaren Bodenart geschieht es, dass er im 5. Kap. Umschau hält über die Verbreitung des Löss in andern Erdtheilen, wobei freilich nur Europa

und Amerika berücksichtigt werden*). Diese partielle Choristik des Löss ist eine vom geographischen, wie geologischen Standpunkt (wenn sie z. B. die „Pampasformation" dem Löss vindicirt) höchst dankenswerthe Arbeit. Das in ihr vorwaltende Colorit ist jedoch das geologische, und ganz das Gleiche gilt von den höchst interessanten Kapiteln (3 und 4), welche Bildung und Umbildung der Salzsteppen Central-Asiens, sowie die Zone der Uebergangslandschaften behandeln, von denen wir hier nicht weiter sprechen wollen.

Ueberblicken wir den siebentheiligen ersten Abschnitt noch einmal in seiner Gesammtheit, so finden wir neben den beiden schon einmal erwähnten Grundelementen desselben, dem geographischen im engern Sinne und dem geologischen, stets ein drittes, wie ein rother Faden sich durch die beiden andern hindurchschlingend, das historische; logisch zerlegt, wir finden: Schilderung der Ortsbefestigungsfläche, die Frage nach dem Woher und Wodurch derselben, die specialwissenschaftlich beantwortet wird, und die wieder echt geographische nach den Folgen derselben, bezogen auf das Menschliche, Ethnische fast ausschliesslich. Eine volle synchoristische Darstellung aller in Central-Asien localisirten Planetentheile bietet der Verfasser nicht, will aber und kann es auch nicht, denn erinnern wir uns, ihm ist die ganze so gewicht- und gehaltvolle Erörterung über das centrale Steppenreich Asiens nur Mittel zum Zweck in der tellurischen Beziehung auf China. Die tellurischen Beziehungen der Länder spiegeln sich nun aber am reichsten und klarsten in historischen, ethnischen Dingen ab. Daher ist es nicht überraschend, dass der Autor die weitaus grössere, zweite Section seines einleitenden Bandes dem historischen Moment allein widmet. Die Betitlung derselben ist eigentlich nicht richtig gefasst, ist zu eng. „Entwickelung der Kenntniss von China" lässt uns ein Kapitel aus der Geschichte des geographischen Wissens natürlich im Occident erwarten. Aber der Verfasser bringt weit mehr. Zunächst liefert er eine durch und durch originelle Abhandlung über die Kunde von China in China selbst und zwar in den ältesten Zeiten seiner historischen Aera, indem er (Kap. 8) eine völlig neue Interpretation eines der ältesten Denkmäler chinesischer Literatur, des Yü-Kung, vorlegt; sodann aber bespricht er in ausführlichster Weise überhaupt die Entwickelung der Verkehrsbeziehungen zwischen den Völkern des Occidents und des Orients d. i. mit China, wobei wir bald die occidentale bald die orientalisch-chinesische Initiative in den Vorder

*) Oscar Lenz hat seitdem auch eine Lössbildung am Ogowe in Afrika, also unter dem Aequator, aufgefunden, die indess wohl mit der von Lyell am Ganges nachgewiesenen lössähnlichen Aestuarbildung (s. China S. 187) zusammentreffen wird.

grund gestellt sehen. Nur im ersten Falle kommt die Entwickelung der occidentalen Kunde von China zum Ausdruck, während im zweiten der Vortrag sich eher in eine Zeichnung der Kunde China's vom Occident, resp. auch nur Central-Asiens umwandelt, das Eine jedoch wie das Andere gleich belehrend und dankenswerth. Characteristisch

für den bis auf den Grund drängenden Trieb des Verfassers ist es nun aber, dass er den Beziehungen zwischen Orient und Occident selbst bis in vorgeschichtliche Zeiten, wo nur noch linguistische Anhaltspunkte sich zu kühnen Schlüssen als Stützen bieten, nachspürt, ein Wagniss, das vielleicht zur Einsprache von fachwissenschaftlicher Seite Anlass bieten dürfte. Eine solche ist auch nicht ausgeblieben dort, wo unser Autor die Wege nachzuweisen sucht, auf denen einst in geschichtlicher Zeit der Verkehr zwischen dem fernen Orient und Occident der Alten Welt sich vollzogen hat (s. Verhandl. der Gesellsch. f. Erdk. 1877, S. 95). Aber hier ist er doch nach der einen Seite hin durch die Kenntniss des Schauplatzes jener Bewegungen gut gedeckt. Es gebricht uns an Raum, um alle die Punkte anzuführen, in denen der Verfasser neue Identificationen und Localisationen der von den Alten uns überlieferten Namen und Begebenheiten, oder neue Erklärungen, wie z. B. hinsichtlich des occidentalen Namens der Chinesen, in Vorschlag bringt. Noch weniger können wir in eine Prüfung all dieses Neuen, die nur in Spezialuntersuchungen gegeben werden kann, hier eintreten. Vieles in diesem langen Abschnitt ist sogar nicht neu, sondern nur Reproduction der von älteren Schriftstellern gewonnenen Resultate. Aber neu und im höchsten Grade preiswürdig ist die Zusammentragung, Läuterung, klare und geistreiche Verarbeitung derselben. Ein solches Gesammtbild dieser Verhältnisse fehlte bisher vollständig, obwohl es an vielfältigen Monographieen durchaus nicht gebrach. Der Verfasser hat diese mit einem wahren Bienenfleisse durchsucht, und eine vortreffliche, geschichtlich-geographische Arbeit, wie sie eben nur ein bedeutender Geist in so kurzer Zeit herzustellen vermochte, ist die Frucht desselben.

In Summa: Die Vorhalle zu Ferdinand v. Richthofen's China ist trotz mancher Irrthümer oder Uebereilungen in Einzelheiten, die wir, wenn es darauf ankäme, glauben nachweisen zu können, im Ganzen ein so hervorragendes und schwerwiegendes Werk, dass man mit hohen Erwartungen der Fortführung desselben und der Einführung in das eigentliche Beobachtungsfeld des Verfassers entgegensehen darf. Wie der erste Band, so werden auch die folgenden keine Reisebeschreibung sein, die der Verfasser später vielmehr gesondert zu bringen gedenkt. Derselbe verspricht zwei Bände noch selbst zu schreiben, ein vierter, für paläontologische Dinge bestimmt, wird durch renommirte Fachgelehrte bearbeitet werden. Die beiden

478 F. Marthe: Methode der Geographie und v. Richthofen's China.

nächsten sollen enthalten: die allgemeine Geographie von China, Orographie, Hydrographie, hypsometrische Verhältnisse desselben, die Grundzüge seines geologischen Baues, Vertheilung der klimatischen Erscheinungen, Uebersicht der Bevölkerungsdichtigkeit des Reiches, eine detaillirte Darstellung seiner Kohlenfelder, Beziehungen des geologischen Baues und des Klimas zu dem Charakter der einzelnen Landestheile und ihrer geschichtlichen Bedeutung, Verbreitung der wichtigeren Producte und ihrer mercantilen Verwerthung, Verlauf der grossen Verkehrsstrassen etc. Es sollen sich ferner daran anschliessen die Ergebnisse der Reisen des Verfassers in Japan, Formosa, Manila, Java, Siam und zum Schluss wieder allgemeine Probleme aus der vergleichenden Erdkunde auf Grund der Specialdarstellung besprochen werden. Ein reichhaltiges Programm und dahinter eine seltene Kraft es einzulösen! Das ganze Werk soll mit Illustrationen ausgestattet und von einem Atlas begleitet sein, der auf 44 Karten berechnet ist. Bei Herstellung derselben steht der seinem berühmten Vater so erfolgreich nacheifernde Dr. Richard Kiepert dem Verfasser durch die Ausführung, soviel wir wissen, des mühsamen Entwurfs der Flussnetze hülfreich zur Seite. Die weitere Ausfüllung kann natürlich nur von der Hand unseres Autors selbst erfolgen, wie demselben wohl auch die wesentliche Arbeit an den auf historische Verhältnisse bezüglichen Karten, die dem ersten Bande beigelegt sind, zufiel. Auf diesen ist der Versuch gemacht, zugleich die allgemeinsten Verhältnisse des Reliefs wie des Bodencharacters durch ein Farbenbild zur Anschauung zu bringen, um auf dieser doppelten Grundlage Völkerbewegungen, Handelsstrassen, ältere Reisewege verstehen zu lehren. Die gesammte Ausstattung des ersten Bandes ist eine so gediegene, dass sich v. Richthofen's China als ein Prachtwerk ersten Ranges ankündigt, welches der Munificenz Sr. Majestät des Kaisers, die eine solche Ausführung ermöglichte, ein in jeder Beziehung würdiges Denkmal stiftet. Im Interesse der Wissenschaft wäre es dringend zu wünschen, dass dem Verfasser die nöthige Musse zur Vollendung seines grossen Unternehmens ferner vergönnt werde.

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