Imatges de pÓgina
PDF
EPUB

Schimper: Die geolog. u.physikal. Verhältnisse des Districts Arrho etc. 109

metallurgischen Processe würde hier zu weit führen.

Es genüge

zu erwähnen, dass das gleichzeitige Auftreten mancher Erze noch zu hebende Schwierigkeiten in der chemischen Behandlung mit sich bringt, dass aber mechanische Vorrichtungen und Röstöfen einen sehr hohen Grad der Vervollkommnung erreicht haben.

V.

Die geologischen und physikalischen Verhältnisse des Districts Arrho und der Salzhandel in Abyssinien. Von Dr. W. Schimper.*)

(Geschrieben zu Adoa im März 1875).

Eine der merkwürdigsten Localitäten Abyssiniens ist unstreitig der etwa zwei Tagereisen in südsüdöstlicher Richtung von Massawah nahe am Hochgebirge der abyssinischen Provinz Agâme gelegene District Arrho. Derselbe bildet eine unter dem Meeresniveau liegende, durch klaftertiefe Einschnitte durchkreuzte Ebene, aus welcher sich kegelförmige Hügel erheben. Es treten hier scheinbar vulkanische Erscheinungen auf, welche aber mit den meteorologischen Verhältnissen des Landes im engen Zusammenshange stehen. In jenen Breiten nämlich, wo die Sonne Ende April und Mitte August den Zenith passirt, dauert die Regenzeit von Ende Juni bis Anfang oder Mitte September, doch nur in dem 8-10,000 Fuss über dem Meere gelegenen Hochlande; in dem Tieflande aber regnet es, wenn auf den Bergen die trockne Zeit herrscht, während dicht an den Küsten der Regen mit seltenen Ausnahmen nur spärlich und nur bei den ersten Hügelreihen etwas reichlicher fällt. Dieser immerhin sehr gelinde Regen, der nicht regelmässig, auch nicht täglich fällt, giebt gerade die nöthige Feuchtigkeitsmenge, um den über die Oberfläche (vgl. unten) Arrho's zerstreuten Schwefelkies zu erhitzen, wodurch Naheliegendes und Unterliegendes stellenweis

*) Die Redaction hat sich erlaubt, in der Diction des seit einem halben Jahrhundert in Abyssinien lebenden Verfassers einige wesentliche Veränderungen vorzunehmen. Man vergleiche über diese Salzebene W. Munzingers Bericht in den Proceedings of the Roy. Geogr. Soc. XIII 1869 p. 219 und unsere Zeitschrift 1869 p. 452. J. M. Hildebrandt besuchte gleichfalls im J. 1872 die Salzebene; seine Schilderung der dortigen physikalischen Naturerscheinungen ist aber wesentlich verschieden von der Schimper's. Vergl. unsere Zeitschrift. 1875. p. 23 ff. In v. Heuglin's letztem Werke: Reise in Nordost-Afrika Bd. I. 1877 p. 168, steht gleichfalls eine kurze Notiz über diese Lokalität von der Hand des verstorbenen Grafen Zichy.

in eine mässige Gluth geräth. Der in der Zersetzung begriffene Schwefelkies wirkt auf die verschiedenen in der Tiefe liegenden brennbaren Stoffe, wie Anthracit und Halbschlacken, und gleichzeitig entwickeln sich von unten herauf Gase, welche zu vulkanähnlichen Eruptionen Anlass geben. In Folge derselben bilden sich Schlammkegel von 4 bis 10 Fuss Höhe, aus deren Spitzen Dampf und mitunter auch Flammen hervorbrechen. Diese ephemären Schlammkegel bestehen aus Thon, der mit Schwefel und Salz vermischt ist; an trocken gewordenen Kegeln gewahrt man ziemlich reine Schwefelbrocken, die hier und dort an Salzstücke angekittet sind. Bei diesen dampfenden Gebilden findet eine stete Bewegung statt. Schlammkegel entstehen, andere zerfallen, versinken und verschwinden um in veränderter Form wieder zu erscheinen. Das ganze Terrain scheint stellenweise zu kochen, wie der Brei in einer riesigen Pfanne. Dieser Vorgang währt so lange, bis bei Zunahme des Regens, oder, richtiger gesagt, durch Wasserzuflüsse von den nahen Bergen die flachen Stellen unter Wasser gesetzt werden. Der Brand nun wird durch geringes Wasser angefacht, durch vieles Wasser aber scheinbar gelöscht, nach dessen Rücktritt zu Ende der beiden Regenperioden eine steinharte, mehrere Zoll dicke Salzkruste den Boden bedeckt. Dieses Salz ist von gleichartiger Beschaffenheit, etwas grobkörnig und sehr fest, letzteres vermuthlich in Folge der gleichzeitig von unten und oben wirkenden starken Wärme des Bodens und der Tropen-Sonne. Nur an trockenliegenden Schlammkegeln finden sich isolirte, sehr feinkörnige, fast durchsichtige, meistens hell wie Krystall oder bisweilen auch roth gefärbte Salzstücke von Schwefelquecksilber, welches dampfförmig aus dem Boden gekommen sein mag. Beide Formen nennt man Aschal oder Schala. Zinnober findet sich zerstreut auf der Oberfläche in etwas scharfkantigen länglichen Stücken und führt, so viel mir bekannt ist, nur den Namen Gaje Gallam d. h. rothe Farbe. Dieselbe wird von den wenigen Abyssinischen Malern zur Ausmalung ihrer schattenlosen, von scharfen, schwarzen Umrissen begrenzten Bilder benutzt, und ebenso von den Schönschreibern zur Bezeichnung besonderer Stellen in den Kirchenbüchern; eine andere Benutzung hat der Zinnober nicht. Die abyssinischen Silberschmiede, welche relativ viel Quecksilber zu ihren groben Vergoldungen verschwenden, verstehen nicht dasselbe vom Zinnober auszuscheiden. Dieser Schatz liegt also aus Unwissenheit der Einwohner bis heute noch unbenutzt in Arrho.

Das in Masse vorkommende, etwas grobkörnige Salz, Tehan genannt, wird in Stücke geschlagen von 7-8 Zoll Länge, 1 Zoll Breite und einem Zoll Dicke und hat in dieser Form das Gewicht von 16-18 Maria-Theresia - Thalern. Diese Salzstücke, in der

Tigre-Sprache Kehle, in der Amhara - Sprache Amole genannt*), werden in alle Theile Abyssiniens sowie auch bis in die GallaLänder ausgeführt. Mit Ausnahme der an den Ort der Gewinnung angrenzenden Districte, wo dasselbe fast nur als Tauschartikel im Gebrauch ist, circulirt das Amŏle überall als anerkannte Scheidemünze und bildet das alleinige abyssinische Geld; es ist der einzige und alleinige Staatsschatz des Landes, der zum Heil der schlecht wirthschaftenden Abyssinier jedes Jahr regelmässig sich neubildet und nie versiegt. Anderes Geld, mit Ausnahme der von fern her kommenden MariaTheresia - Thaler, giebt es hier nicht. Ein anderer Staatsschatz, als dieses Steinsalz von Arrho, existirt nicht, denn die abyssinischen Chefs, deren Dasein ebenso ephemer ist, wie das der oben erwähnten Schlammkegel, sammeln nur durch frevelhafte Beraubung des Volkes Schätze für ihre eigene Person, ohne dieselben nutzbringend zu verwenden. Diese Schätze werden an verschiedenen Orten verborgen, um etwa nach oder während einer Niederlage zur Anwerbung neuer Räuberbanden zu dienen.

Auch für die Küche wird dieses Steinsalz von Arrho benutzt, und nur in einigen Theilen von Tigre bedient man sich für häusliche Zwecke des Meersalzes, weil dies wegen der grösseren Nähe des Meeres billiger zu beziehen ist; dasselbe wird durch die Schohos bis zu den nördlichen Grenzen des Hochlandes gebracht und geht dann durch den Handel weiter.

Hier

Das als Scheidemünze dienende Steinsalz von Arrho wird nicht von den eigentlichen Abyssiniern selbst ausgebeutet, sondern von den in geringer Abhängigkeit von Abyssinien lebenden Tältals, einem verworfenen kleinen Stamm der Adal Gallas. Es sind dies Gallas, die sich einst in das Hochland eingeschlichen hatten, ihrer schlechten Eigenschaften wegen aber von den alten Aethiopiern als Knechte in die Niederungen Arrho's verbannt wurden. hausen sie wie ungezähmte Bestien, theils nahe den Danakils, hauptsächlich aber in der Wildniss am Abfall des Hochgebirges Agāme als nomadisirende Hirten. Von diesen verrufenen Tältals, den Quasi-Unterthanen Abyssiniens, kaufen die schwach gewordenen Abyssinier ihr legitimes Eigenthum, dürfen es aber nicht wagen, in jenen von den Tältals besetzten Landestheilen einzeln zu erscheinen, sondern nur in grosser Anzahl und geschützt durch eine militärische Escorte. Zur Aufrechthaltung der Ordnung und Sicherheit ist in Andālo (Antalo), dem Hauptplatz im Hochlande Enderda

*) Bei v. Heuglin, Reise in Nordost-Afrika I. 1877. p. 168: in Tigré, Queilo, in Amchara Amolié oder Qualeb. Kochsalz im Allgemeinen heisst auf Amcharisch Tschaw. Red.

(Enderta), ein abyssinischer Chef als Schutzherr für die Salzbeziehung stationirt. Hier sammeln sich die Salzankäufer, und hier müssen auch einige Tältals als Geisseln sich einstellen, welche bis zur Rückkehr der Salzcarawane in Antalo bewacht werden. Letztere erhalten dafür eine Entschädigung von sechs Stück Baumwollenzeug für sechs Kleider und drei Maulthiere.

In Fischo, einer Ortschaft in der Mitte des Bergabfalls von Agāme zu Arrho, ist ein zweiter Sammelplatz für die anderen aus verschiedenen Landestheilen kommenden Käufer. Der in Fischo stationirte Chef, Schutzherr und Escorten-Führer, der den Titel Balgadda führt, erhält von den Tältals 12 Wassersäcke und 6 Ziegen, welche Abgabe Schafa genannt wird. Hat sich nun die grosse Carawane gesammelt, so steigt dieselbe in die Tiefe zu dem Salzort hinab. Bei ihrer Rückkehr erhebt der Balgadda von derselben eine Steuer von 28 Stück auf je 230 Stück Steinsalz. Die Salzkäufer geben für dieses so zu sagen gemünzte Steinsalz grösstentheils Getreide, Gewürze, Honig, Butter, Wachs, Maria-Theresia-Thaler und kleinere Handelsartikel, zuweilen auch gestohlene Sklavenkinder, mitunter sogar ihre eigenen Kinder; alle jene Handelsartikel kommen dann durch die Tältals zu den benachbarten Danakils. Wegen der grossen Wichtigkeit dieses Salzgeldes sind an verschiedenen Orten Abyssiniens z. B. zu Andālo, Sokoda, Gondar etc. Depots gegründet. Der Cours des Salzgeldes im Vergleich zum Maria-Theresia-Thaler ist ein wechselnder. Bei dem Salztransport sind eine Menge Zollstellen in den verschiedenen Landestheilen zu passiren, an denen eine kleine Partie Salz abgegeben werden muss, eine Steuer, welche nach altem Herkommen als Eigenthum der für die Regierung zu anderen Dienstleistungen verpflichteten Bewohner gewisser Dorfschaften betrachtet wird. Bei zufälliger Anwesenheit des Districts - Gouverneurs belegt derselbe aber diese Abgabe für sich mit Beschlag. In diesem Fall pflegen die Dorfbewohner, um nicht zu kurz zu kommen, heimlich auszuziehen und von der SalzCarawane an einem zu einem Ueberfall günstig gelegenen Ort, den ihnen zukommenden Zoll zu erpressen. Selten kommt es bei einem solchen Ueberfall zu blutigen Händeln, da ein Mord nur durch die Blutrache gesühnt werden kann. Ausser der Ausbeute an Salz in Arrho ist auch die des Schwefels zur Anfertigung des Pulvers von Bedeutung. Grosse Quantitäten Schwefels werden. durch die Danakils von Arrho nach Hodeida, Hadally und Mocha in Arabien ausgeführt.

[ocr errors]

Jene in Arrho auf den ersten Anblick scheinbar als vulkanisch zu bezeichnenden Eruptionen, verdanken ihre Entstehung einem begrabenen Steinkohlenlager, dessen Gluth bei der Eigenschaft des Terrains durch die tropischen Regenverhältnisse periodisch

angefacht nach oben emporsteigt, und, wie oben bemerkt, bei Zunahme des Regens später wieder gelöscht wird*). Seit wie vielen Jahrhunderten diese periodischen Erscheinungen bestehen, ist nicht anzugeben. Wahrscheinlich haben die alten Aethiopier das Steinsalz nicht als Geldmünze gebraucht, da sie geprägte Kupfer-, Silber- und Goldmünzen hatten. Die heutigen Abyssinier wissen nichts von dem nur in verhältnissmässig geringer Tiefe verborgenen Steinkohlenschatz, und wenn derselbe auch Einigen bekannt ist, so verhindert die Unbekanntschaft mit dem Nutzen der Steinkohlę ihre Schürfung. Europäische, mit einigen Capitalien versehene Bergleute würden hier sicherlich gewinnbringende Resultate erzielen, zumal da sich ausser Steinkohle und Salz in Arrho Quecksilber, Schwefel, Gyps und Salmiak vorfinden; doch ist der Besuch dieser Gegend wegen ihrer physicalischen Beschaffenheit und der Wildheit der Tältals gefährlich. Wollte es ein Europäer versuchen, diese Lokalitäten zu durchforschen, so müsste er sich während der Zeit vom December bis October unter den dicht an der Küste wohnenden Danakils niederlassen und diese Zeit dazu benutzen, mit den Tältals genauer bekannt zu werden, was mit Hülfe der Danakils geschehen kann, da materielle Interessen diese veranlassen, mit den wilden Bewohnern von Arrho in Freundschaft zu leben. Um Arrho zu besuchen, muss der Fremde erfahrene Männer unter den Tältals anwerben, welche mit allen Lokalitäten genau vertraut sind, da schädliche Gase und schlagende Wetter selbst auf der Oberfläche hier und dort sich zeigen und solche Stellen nur mit Hülfe eines sicheren Führers gemieden werden können.

Wir fügen hier noch einige Notizen über die oben genannten Stämme, die Danakils, Tältals und Schohos hinzu.

Die Danakils (Sing. Dankali), arabischen Stammes, jetzt aber etwas vermischt mit den umwohnenden Völkerstämmen,

*) Das Terrain, weil sehr verschoben, ähnelt einem Seifengebirge, gehört aber zur secundären Formation und besteht aus eisenhaltigem Thon, Sandstein, Schieferarten und einigen kleinen Hügeln von Flussgeröll, vermischt mit Trümmergestein. Einige kleine Porphyr-Durchbrüche befinden sich in der Nähe. Durch den Brand werden gelegentlich einige Thongesteine glühend; geschmolzene Eisentheile verbinden sich mit geschmolzenem Schwefel zu Schwefeleisen, welches sich etwa jährlich auf diese Weise bildet. (Anmerkung der Redaction: Sollte nicht der Schwefelkies, falls dessen Vorkommen überhaupt nachgewiesen ist und wirklich jene Eruptionen veranlasst, schon in den Steinkohlenlagern fertig gebildet vorkommen und durch die Hitze derselben periodisch in Portionen soweit entschwefelt werden, dass dann bei Eintritt der Regenzeit eine Zersetzung des so gebildeten EinfachSchwefeleisens durch Wasser möglich wird? Auf diese Weise würde auch das Vorkommen oder die Neu-Entstehung von Schwefel seine einfache Erklärung finden.)

Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. Bd. XII.

8

« AnteriorContinua »